Russisches Lager im Winter

Aufbau Verlag

Bohèmienne, Genossin und Zeugin des Grauens

Die österreichisch-sowjetische Schriftstellerin und Ärztin Angela Rohr
Von Sabrina Adlbrecht

Unter all den Schilderungen des sowjetischen Gulags sticht "Lager", der autobiografische Roman der österreichischen Ärztin und Schriftstellerin Angela Rohr heraus. Mit scharfem, analytischem Blick, nüchtern, aber nie zynisch, dokumentierte sie das Grauen - ein unter die Haut gehendes Dokument des Überlebenswillens.

Die Autorin war lange vergessen. 1890 als Angela Müllner in Mähren geboren und in Wien aufgewachsen, führte diese Frau ein nicht nur für ihre Zeit ungewöhnliches Leben. Schon als Siebzehnjährige verließ sie die Familie, wurde Mutter, studierte Medizin und beschäftigte sich mit Psychoanalyse.

Rohr lebte in Paris, Zürich und Berlin, verkehrte in Expressionisten- und Dadaistenkreisen, wechselte regelmäßig Namen und Beziehungen, bevor sie 1925, auf eine neue Gesellschaft hoffend, mit ihrem dritten Mann nach Moskau ging. Dort war sie unter anderem Korrespondentin der Frankfurter Zeitung und schrieb literarische Reportagen und Erzählungen aus der Sowjetunion. 1941 verhaftet, zu fünf Jahren Lager und anschließender Verbannung verurteilt, arbeitete Angela Rohr im Gulag als Ärztin. Nach ihrer Rehabilitierung 1957 kehrte sie nach Moskau zurück, wo sie 1985 verarmt starb.

Erst vor wenigen Jahren wurde sie als Autorin wiederentdeckt: "Der Vogel", "Zehn Frauen am Amur" und "Lager", die Rohrs journalistisches wie erzählerisches Werk umfassen, zeugen von einer bemerkenswerten Frau mit eindrücklicher Sprachkraft.

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