Schulärzte - Abschaffen oder aufwerten?

150 Jahre ist es her, seitdem erstmals Ärzte in Österreichs Schulen tätig wurden. Mit der ersten staatlichen Bestimmung, aus dem Jahr 1873 zum Thema "Schulhygiene", beschränkten sich die Aufgaben damals jedoch noch ausschließlich auf die Kommission. Es ging um Beleuchtungen, Toilettenanlangen und die Wasserversorgung von Schulen.
Heutzutage ist der Schularzt nicht nur für die Hygiene zuständig, sondern ein Gatekeeper, also eine Schlüsselstelle zwischen Lehrern, Kindern, Eltern, Sozialpädagogen, Psychologen und niedergelassenen Fachärzten. Trotz der langen Tradition und dem breiter werdenden Aufgabenbereich gibt es jedoch immer wieder Debatten über die Abschaffung von Schulärzten. Warum also, brauchen wir (k)einen Schularzt?

Die Situation in Österreich

Etwa 1.171 Ärztinnen und Ärzte besitzen in Österreich das Schularztdiplom. Sie sind für rund 1,1 Millionen Schülerinnen und Schüler in Österreich zuständig. Allerdings hängt der Umfang des schulärztlichen Angebots von der jeweiligen Schule ab. Denn in Österreich gibt es ein duales Schulärztesystem, das zwischen Bundes- und Pflichtschulen unterscheidet. Während im Bundesschulbereich, also zum Beispiel in Gymnasien, die Schularzteinheiten geregelt sind, beschränkt sich die schulärztliche Leistung im Pflichtschulbereich, wie etwa in den Neuen Mittelschulen, auf die jährlichen Routine-Untersuchungen. Die Schulgemeinde bezahlt den Arzt pro untersuchtem Kind auf Honorarnotenbasis.

Investieren statt reduzieren

Dr.in Judith Glazer, Präsidentin der Gesellschaft der Schulärztinnen und Schulärzte Österreichs, fordert deshalb gleiche Bedingungen für alle Schüler in Österreich. Ihrer Meinung nach sollte es auch an Pflichtschulen fixe Schulärzte geben, die die Kinder in ihrer Entwicklung begleiten, Eltern frühzeitig auf Probleme aufmerksam machen und wenn nötig intervenieren. Besonders Kinder und Jugendliche, die sozial benachteiligt sind, in deren Familien zeitliche oder finanzielle Ressourcen knapp sind, würden davon profitieren. Im besten Fall sinkt damit auch die Zahl der frühzeitigen Schulabbrecher. Immerhin, etwa 25.000 Jugendliche befinden sich in Österreich weder in der Schule oder einer Lehre, bzw. haben keinen Beruf. Damit liegt Österreich über dem EU-Durchschnitt.

Gesundheitszustand und Schulabschluss

Die Gesundheit von Schülerinnen und Schüler wirkt sich auch auf ihre schulischen Erfolge aus. Eine Gruppe, die besonders von Gesundheitskompetenzen an der Schule profitieren kann, sind die mindestens 190.000 Kinder und Jugendlichen mit einer chronischer Krankheit. Von der Anmeldung in der Schule über Schwierigkeiten notwendige Therapien in der Schule durchzuführen bis hin zur Scham über die Krankheit zu sprechen - lange Zeit waren Kinder mit Diabetes, Asthma, Epilepsie oder ADHS benachteiligt. Schulärzte können für sie eine Vermittlungsfunktion einnehmen und Lehrern eine Einweisung im Umgang mit Notfallsituationen geben und so Ängste nehmen.

Cyber-Mobbing und Smartphone-Sucht

Instagram, YouTube, Facebook und Co. bringen neue Herausforderungen für Schüler mit sich. Denn Cyber-Mobbing, also die systematische Belästigung, Bloßstellung und absichtliche Ausgrenzung im virtuellen Raum, kann im Gegensatz zu "normalem" Mobbing rund um die Uhr stattfinden. Die Verleumdungen erreichen ein größeres Publikum und die Täter fühlen sich durch die Anonymität geschützt. Im schlimmsten Fall können diese belastenden Situationen bei Jugendlichen Depressionen, Essstörungen oder selbstverletzendes Verhalten auslösen.

Großer Bedarf im Bereich psychischer Gesundheit

Allein im psychologischen und psychiatrischen Bereich gibt es großen Bedarf. Etwa ein Viertel der österreichischen zehn- bis 18-Jährigen ist psychiatrisch auffällig - das ergab eine Studie der Meduni Wien. In solchen Extremsituationen ist es daher wichtig, dass es im System Schule niederschwellige Hilfsangebote gibt. Schulärzte sind eines davon, sie arbeiten gemeinsam mit Schulpsychologen und -pädagogen und klären ab, ob es etwa einer fachärztlichen Abklärung bedarf.

Eine Sendung von Johanna Hirzberger, MMA.
Moderation: Univ.-Prof. Dr. Manfred Götz.
Redaktion: Dr. Christoph Leprich

Reden auch Sie mit! Wir sind gespannt auf Ihre Fragen und Anregungen. Unsere Nummer: 0800/22 69 79, kostenlos aus ganz Österreich.

Haben oder hatten Sie oder Ihr Kind soziale oder gesundheitliche Probleme in der Schule?
Welche Unterstützung haben Sie vom Schularzt oder von der Schulärztin erhalten?
Welche Erfahrungen haben Sie mit dem schulärztlichen Dienst gemacht?
Leidet Ihr Kind an einer chronischen Erkrankung?
Wie gehen Sie damit im Schulalltag um? Gibt es Unterstützung von Lehrenden?
Sind Sie Lehrer oder Lehrerin und arbeiten mit Ihrem Schularzt oder Schulpsychologen zusammen?
Wie erleben sie die Zusammenarbeit? Gibt es an Ihrer Schule Projekte zur Förderung der psychischen und körperlichen Gesundheit der Schüler und Schülerinnen?

Service

Studiogäste im Funkhaus Wien:

Dr.in Judith Glazer
Schulärztin und Praktische Ärztin
Präsidentin Gesellschaft der Schulärztinnen und Schulärzte Österreichs
Tel.: 0043 2252 451 33
E-Mail
Homepage

Mag.a Elisabeth Rosenberger
Präsidentin des Bundesverbandes der Elternvereine an mittleren und höheren Schulen Österreichs, Mutter von drei Kindern
Tel.: 0043 676 5227101
E-Mail
Homepage

Dr. Stefan Ferenci
Facharzt für Kinder- und Jungendpsychiatrie
Grundauerweg 15/Top 19
2500 Baden
Tel.: 0043 670 603 08 33
E-Mail
Homepage

Weitere Anlaufstellen und Info-Links:

Plattform Eltern und Kindergesundheit
Bericht zur Lage der Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich 2018
Schularzt: Praktische Beispiele und Projekte
Die Entwicklung des Schularztwesens in Österreich
Leitfaden zum Umgang mit Sozialen Medien
Schulpsychologen
Cyber Mobbing
Ärzte Kammer: Informationen über Schulärzte
Das chronisch kranke Kind im Schulsystem
Gemeindebund will Schulärzte abschaffen
Der Standard: Schulärzte sollen Adipositas und Impfmüdigkeit verhindern

Buch-Tipps:

Ludwig Bilz, Gorden Sudeck, Jens Bucksch, Andreas Klocke, Petra Kolip, Wolfgang Melzer, Ulrike Ravens-Sieberer, Matthias Richter, "Schule und Gesundheit", Verlag: Beltz Juventa (18. August 2016)

Christina Klicpera, Barbara Gasteiger-Klicera, Edvina Besic, "Psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter", UTB GmbH; Auflage: 2 (14. Januar 2019)

Robert Siegler, Nancy Eisenberg, Judy DeLoache, Jenny Saffran, Sabina Pauen, Katharina Neuser-von Oettingen, "Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter", Springer; Auflage: 4 (31. März 2016)

Lisa Sophie, "ItsColeslaw: Wie ich aufhörte, perfekt sein zu wollen: Ein Leitfaden zum Umgang mit peinlichen Situationen aller Art", FISCHER Kinder- und Jugendbuch E-Books; Auflage: 1 (16. März 2017)

Amelie Bachmayer, "Schulfrust? Ohne mich!: Frau Bachmayers Überlebensstrategien für Lehrerinnen und Lehrer", Verlag: Beltz (13. Juli 2018)

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