Gasflammen

APA/DPA/MALTE CHRISTIANS

Ist der Herd auch wirklich abgedreht??

Wege aus der Zwangsstörung

Gefangen im Zwang

Als Margit Preinfalk Ende 50 war, glaubte sie, schön langsam verrückt zu werden. Bis sie endlich frühstücken konnte, musste sie sich 30 Mal duschen, am Abend vor dem zu Bett gehen schaltete sie das Licht 20 Mal ein und aus, um sicher zu gehen, dass es auch wirklich finster ist und sogar nachts hatte sie Angst - nämlich davor, dass versehentlich die Bettdecke runterfallen könnte. Margit Preinfalk war natürlich nicht verrückt - sondern von einem schweren Wasch- und Kontrollzwang betroffen. Dies erfuhr sie aber erst nach vielen Jahren des Leidens per Zufall, als ihr ein Artikel über Zwangsstörungen in die Hände fiel.

Viele verschiedene Formen

Zwei bis drei Prozent der Bevölkerung sind von Zwangsstörungen, also Zwangsgedanken und Zwangshandlungen, betroffen. Zu den bekannten zählen: Kontroll-, Wasch- und Reinigungs-, Ordnungs-, Wiederholungs-, Zähl- sowie Sammel- und Hortzwänge. Am häufigsten sind die Kontroll- und Waschzwänge. Die betroffenen Menschen haben Angst, es könnte die Wohnung abbrennen oder überflutet werden, wenn sie Herd und Wasserhahn nicht mehrmals kontrollieren bzw. sie befürchten, sich mit lebensgefährlichen Keimen zu infizieren. Diese Zwänge können leicht ausgeprägt sein. Oder so stark, dass die Betroffenen täglich acht Stunden und länger ihrem Zwang nachgehen müssen, quasi von ihm dominiert werden. Die Folgen: Verlust von Job und Freunden und häufig auch gesundheitliche Probleme wie offene Hautstellen oder massive Zahnfleischprobleme aufgrund des intensiven Waschens und Putzens. Von einer Zwangsstörung spricht man dann, wenn mindestens zwei Wochen lang die beschriebenen Symptome auftreten und einen großen Leidensdruck verursachen bzw. einen normalen Alltag verunmöglichen. Wer also am Gehsteig nicht auf die Fugen zwischen den Platten steigt oder regelmäßig ein zweites Mal nachschaut, ob der Herd auch wirklich abgedreht ist, hat keine behandlungsbedürftige psychische Erkrankung.

Was steckt dahinter?

Ursachen für Zwangserkrankungen gibt es mehrere. In Fachkreisen geht man seit einiger Zeit von einem bio-psycho-sozialen Modell aus. Zwangsstörungen sind zum Teil genetisch bedingt. Meistens sind andere Familienmitglieder auch betroffen. Die Krankheit selbst muss aber nicht zwangsläufig tatsächlich zutage treten. Dazu ist ein "Auslöser" erforderlich - meistens ist es Stress in Partnerschaft, Familie oder in der Arbeit.
Laut unserem Sendungsgast, der Psychoanalytikerin Hemma Rössler-Schülein, liegen die Gründe häufig in der Kindheit. So können ein besonders strenger Erzziehungsstil und eine allzu frühe, übertriebene Reinlichkeitserziehung später zu Zwängen führen.

Psychotherapie und Medikamente

Es gibt mehrere Psychotherapiemethoden, die Erfolge in der Behandlung aufweisen können. Besonders geeignet erscheint die Verhaltenstherapie. Der Patient/die Patientin lernt hier nach und nach, die Zwangshandlung trotz der aufkommenden, belastenden negativen Gefühle nicht auszuführen - und gerade dadurch wird das Bedürfnis danach immer schwächer. Der Krankheit wird sozusagen der Wind aus den Segeln genommen. In schwereren Fällen raten Psychiater (zusätzlich) zur Einnahme von Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern (SSRI's), die ebenso wie bei Depressionen die Symptome stark mildern. Erst seit kürzerem ist bekannt, dass auch Cannabis bei Zwangsstörungen helfen kann.

Wenn alles nichts hilft

Bei therapieresistenten Personen kann man es noch mit der so genannten tiefen Hirnstimulation versuchen, sagt unser Sendungsgast, der Psychiater und Verhaltenstherapeut Martin Aigner. Dabei werden dem Patienten feine Elektroden ins Gehirn implantiert, die dann elektrische Impulse an den Nucleus accumbens abgeben. Dieser ist ein wichtiger Teil des Belohnungssystems im Gehirn.

Moderation: Univ.-Prof.in Dr.in Karin Gutiérrez-Lobos
Sendungsvorbereitung: Mag.a Nora Kirchschlager
Redaktion: Dr. Christoph Leprich

Reden auch Sie mit! Wir sind gespannt auf Ihre Fragen und Anregungen. Unsere Nummer: 0800/22 69 79, kostenlos aus ganz Österreich.

Haben Sie oder ein Angehöriger eine Zwangsstörung?

Was sind bei Ihnen die Symptome?

Wann hat das ganze begonnen und was sind Ihrer Meinung nach die Ursachen?

Wie reagiert Ihr Umfeld auf die Erkrankung?

Was hat Ihnen geholfen? Eine Psychotherapie oder Medikamente?




Service

Studiogäste im FH Wien:

Dr. Hemma Rössler-Schülein
Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie
Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin
Psychotherapeutin (Psychoanalyse)
Stellvertretende Vorsitzende der Wiener psychoanalytischen Vereinigung
Döblinger Hauptstr. 15/1/5
1190 Wien
Tel & Fax: (01) 367 41 06
E-Mail
Homepage

Margit Preinfalk
Von Kontroll - und Waschzwang betroffen
Leiterin einer Selbsthilfegruppe in Baden und Mödling
Tel.: 0664/927 78 06
E-Mail

Prim. Assoc. Prof. PD Dr. Martin Aigner
Uniklinikum Tulln
Leiter der Klinischen Abteilung für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin
Alter Ziegelweg 10
3430 Tulln
Tel.: 02272/9004/13551
E-Mail
Homepage

Weitere Anlaufstellen und Info-Links:

Österreichische Gesellschaft für Verhaltenstherapie
Wiener Psychoanalytische Vereinigung
Österreichischer Bundesverband für Psychotherapie
Selbsthilfegruppe in Baden
Selbsthilfegruppe in Mödling
Selbsthilfegruppe für Menschen mit Zwangserkrankungen - pro mente Wien
pro mente Austria
Was sind Zwangserkrankungen?
Zwangsstörung: Diagnose und Therapie
The Endocannabinoid System - A new treatment target for obsessive compulsive disorder?

Buch-Tipps:

Susanne Fricke, Iver Hand, "Zwangsstörungen verstehen und bewältigen: Hilfe zur Selbsthilfe", BALANCE Buch + Medien Verlag 2018

Nicolas Hoffmann, "Wenn Zwänge das Leben einengen: Der Klassiker für Betroffene - Zwangsgedanken und Zwangshandlungen", Verlag: Springer 2017

Anne Külz, "Dem inneren Drachen mit Achtsamkeit begegnen: Selbsthilfe bei Zwängen",
Verlag: Beltz 2017

Sendereihe