"The birth of Venus" von Botticelli

AFP/ALBERTO PIZZOLI

Johanna Schwanberg zum 510. Todestag von Sandro Botticelli

"Frühling einer neuen Zeit" - Zum 510. Todestag von Sandro Botticelli
von Johanna Schwanberg, Direktorin des Dom Museum Wien

Innige, herzliche Umarmungen. Tanzen und Singen. Das Bedrohende verschwindet für immer und ewig. Überall ist der Aufbruch in eine freudige, unbeschwerte Zeit zu spüren - voller Leichtigkeit, voller Hoffnung. Ein Wunschbild, das sich wohl viele auf der ganzen Welt die letzten Wochen und Monate ausgemalt haben.

Die Rede ist aber nicht von der unmittelbaren Vergangenheit und Gegenwart infolge der Corona-Krise, sondern von einem Renaissancegemälde, Botticellis "Mystischer Geburt". Auf den ersten Blick wirkt das Bild gar nicht ungewöhnlich. Denn es zeigt das neugeborene Jesuskind mit seinen Eltern in einem Stall. Ein äußerst beliebtes Motiv jener Epoche also. Abgesehen von der zentralen Szene überrascht mich diese Malerei jedoch an allen Ecken und Enden. So entdecke ich am vorderen Bildrand Menschen, die von Engeln umarmt und geküsst werden. Um sie herum tummeln sich kleine grauschwarze, teufelsartige Wesen. Sie durchbohren sich selbst mit Waffen und versinken in Erdspalten. Oberhalb des Stalls im Himmel tanzen Engel mit Olivenzweigen und Spruchbändern einen Reigen.

Besonders fasziniert bin ich von der Inschrift am oberen Bildrand. Denn diese verlautbart gleich zu Beginn in griechischer Sprache, wer der Erfinder des Werks ist: "Dieses Bild malte ich, Allessandro, am Ende des Jahres 1500, in den Wirren Italiens." Es ist das einzige Werk des Renaissancestars Botticelli, das dieser signiert und datiert hat. Zugleich bezieht sich der Künstler in dem Text explizit auf die politischen und religiösen Krisenzeiten, in denen sich Italien damals rund um das Wirken des Bußpredigers Savonarola befand.

Das Bild macht deutlich, dass es im Lauf der Geschichte immer wieder Höhen und Tiefen gab. Wie oft durchlebte die Menschheit schon Phasen, in denen es ihr gar nicht gut ging - verursacht durch Kriege, Seuchen, Dürreperioden, politische und religiöse Unruhen.

Bildende Kunst ist für mich so spannend, weil sich in ihr stets Zeitgeschichte spiegelt. Auch wenn dies durch die biblische oder mythologische Thematik nicht sofort zu erkennen ist. Zugleich ist bildende Kunst ein Medium, das der oft harten Realität etwas Positives entgegensetzt. Sie vermag - mit Farben, Formen und Linien ? das lebendig zu machen, was sich oft nur in den schillerndsten Träumen abspielt.

Service

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: traditional
Album: DIE WIEGE DER RENAISSANCE / Italienische Musik aus der Zeit Leonardo da Vincis (1452 - 1519)
Titel: Canzon de' pifari dico el Ferrarese - für Instrumentalensemble
Ausführende: Sirinu
Länge: 02:00 min
Label: Hyperion CDA 66814

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