Johannes Silberschneider

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Der Bub aus dem Süden und der Gott aus dem Norden

Literarische Reise - Italien. "Der Engelfotograf - Eine Kindheit in Kalabrien" von Gino Chiellino. Es liest Johannes Silberschneider.

"Niemand kommt auf die Idee, ihm die Frage zu stellen, ob er vorhabe, dem Gott aus dem Norden zu dienen - wie niemand zuvor den Großvater und den Vater gefragt hat, ob der eine dem König aus dem Norden und der andere dem Diktator aus dem Norden dienen wolle."

Als die Padres in ihren wehenden schwarzen Soutanen im Sommer 1957 in Kalabrien ankommen, machen sie den armen, kinderreichen Bauernfamilien ein Angebot: die Chance auf Bildung für ihre begabten Söhne gegen die gänzliche Abtretung des Sorgerechts. Sie fragen nicht, welcher Bub besonders fromm ist, sie fragen nur: "Ist er unzufrieden?"

Dem Gott im Norden sind die Kinder ausgegangen, schreibt Gino Chiellino zu Beginn seines autobiografisch grundierten Romans "Der Engelfotograf - Eine Kindheit in Kalabrien". Also suchen seine Diener im armen Süden nach Nachschub für ihre Orden, Schulen und Missionen. Der zehnjährige Rusco, der Protagonist in Chiellinos Roman, wird ausgesucht und in ein katholisches Internat im Norden geschickt, wo er erkennen muss, wie hoch der von ihm verlangte Preis für Bildung ist.

Gino Chiellino wurde 1946 in armen Verhältnissen in Kalabrien geboren, er studierte in Rom und Deutschland, wo er seit vier Jahrzehnten in Augsburg lebt. Chiellino ist als Literaturwissenschaftler sowie als Schriftsteller, Essayist und Übersetzer tätig und gilt als Mitbegründer interkultureller Literatur in deutscher Sprache. 1987 wurde ihm zusammen mit Franco Biondi der Adelbert-von-Chamisso-Preis für seine auf Deutsch erschienenen Arbeiten verliehen.

Redaktion: Cornelia Zetzsche, Bayern 2
Präsentation: Antonia Löffler

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Gino Chiellino: "Der Engelfotograf - eine Kindheit in Kalabrien". Erschienen im Folio Verlag 2016

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