Christoph Schlingensief

APA/BARBARA GINDL

Gedanken für den Tag

Hubert Gaisbauer über Christoph Schlingensief

"Das Leben ist schön". Der Publizist Hubert Gaisbauer über den erst fünfzigjährig verstorbenen Künstler, anlässlich dessen 10. Todestages

Heute ist Jedermann-Tag in Ö1. Und gestern war der zehnte Todestag des Film- und Aktionskünstler Christoph Schlingensief.

Wir müssen uns Jedermann als einen Menschen in den besten Jahren vorstellen. Schlingensief ist gestorben, als er noch keine 50 war. Wie in Hofmannsthals "Jedermann" geht es in den letzten Werken von Schlingensief um Gott, den Glauben und das Sterben. Mit Jedermann hat er ja das erschreckende Erkennen der Realität gemeinsam, wie es im Jedermann heißt: "Nun weiß die aufgerissne Brust, als sie es nie zuvor gewußt, was dieses Wort bedeuten mag: Lieg hin und stirb, hie ist dein Tag!"

Bei Jedermann könnte es ein Herzinfarkt gewesen sein, bei Christoph Schlingensief war es ein aggressiver Lungenkrebs. Auch er wollte nicht sterben und sagte es immer wieder: "…mein größter Wunsch ist, auf der Erde zu bleiben, wir sind hier gut aufgehoben, schöner wie hier kanns im Himmel gar nicht sein, wir sind hier gut aufgehoben, wir haben es nur noch nicht verstanden."

Einmal, in einem Zustand tiefer Verzweiflung, schickte er Aino, seine geliebte Frau, einfach weg von seinem Bett. Sie sollte nicht mit ihm leiden. Aber Aino ist nicht gegangen. Verdammt nochmal, warum verschwindest du nicht, soll er gebrüllt haben. Und Aino darauf: Weil ich dich liebe! Das wäre, erzählt er, wie ein Donnerschlag für ihn gewesen. Er, geliebt. Er, der einmal von sich sagte, er wisse gar nicht, wie das geht: lieben. Jedermanns Freundin hat sich rechtzeitig aus dem Staub gemacht. Da ist die irdische Liebe nichts wert.

Aino Laberenz hat erzählt, dass sie angesichts des Leidens des geliebten Mannes einmal einfach in den Himmel geschaut und dann - zu irgendwem oder irgendwas da "oben" - gesagt habe: "…ich kann mir nicht vorstellen, dass Du jemanden einfach nur so leiden lässt und offensichtlich von hier wegnimmst, wenn er Dir nicht so wichtig ist, dass Du ihn vielleicht selbst bei Dir brauchst." Das war für Aino auf einmal die einzige Antwort, die sie hatte.

Service

Susanne Gaensheimer (Hg.), "Christoph Schlingensief, Deutscher Pavillon 2011", Katalog zu „Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“, Kiepenheuer & Witsch
Christoph Schlingensief, „So schön wie hier kanns im Himmel nicht sein. Tagebuch einer Krebserkrankung", Kiepenheuer & Witsch
Christoph Schlingensief / Aino Laberenz (Hg.), „Ich weiß, ich wars“, btb Taschenbuch

Film: schlingensief. in das schweigen hineinschreien

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Walter Braunfels
Album: WALTER BRAUNFELS - Vol.3
* Moderato - (00:03:06)
Titel: Konzertstück für Klavier und Orchester in cis-moll op.64
Solist/Solistin: Piers Lane /Klavier
Leitung: Johannes Wildner
Orchester: BBC Concert Orchestra
Länge: 03:36 min
Label: DUTTON CDLX7327

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