Ausschnitt "Game of Thrones"

Bußgang aus "Game of Thrones" - HBO/WARNER BROS.

Radiokolleg

Radiokolleg - Schäm Dich

Gefühle der Schuld, des Scheiterns und schlechten Gewissens (1). Gestaltung: Hans Groiss

Zu dick, zu dünn, etwas ist nicht gelungen oder etwas ist zu gut gelungen: Scham ist ein diffuses Gefühl, das ganz konkrete Auswirkungen hat - erinnern Sie sich an das rot werden: Wenn wir abgewertet werden könnten, verfärbt sich das Gesicht. Bisher hat die Forschung keine eindeutige Antwort warum. Eine Möglichkeit wäre, dass Erröten ein Zeichen von Reue darstellt und so vor sozialer Ausgrenzung schützt. Wer für sein Fehlverhalten keine Scham zeigt, wird ausgestoßen.

Heinz-Christian Strache meinte im Mai 2020 in einem Nachrichteninterview, er habe sich "geniert" als das Ibiza-Video publiziert wurde. Vielleicht hilft die öffentlich zur Schau gestellte Scham zur besseren sozialen Reintegration? Sie löst jedenfalls Mitgefühl aus, wird als Einsicht gewertet und ist am Medienmarkt eine nützliche Taktik.

Scham wird problematisch, wenn sie pathologisch wird, also nicht mehr hilft oder schützt, sondern ausgrenzt, übermächtig wird und das Leben einschränkt. Die Beschäftigung mit der eigenen Scham kann belastend sein und hemmen, aber auch die komplizierte Situation nach psychologischer Beschäftigung auflösen. Das Wort Genieren wurde übrigens im 18. Jahrhundert von dem französischen gêner für behindern oder belästigen entlehnt und bedeutet auch "sich Zwang antun" oder "sich gehemmt fühlen". Weitere Wortbedeutungen sind bedrücken, quälen und hindern, aber auch Zwang, Qual, Verlegenheit und Bedrängnis stehen im Kontext des Genierens. Früher wurde das Wort auch für "Folter" bzw. für "zum Geständnis zwingen" verwendet.

Scham ist ein intersubjektives Gefühl - Intersubjektivität beschreibt die Bezogenheit zwischen Menschen und deren Prozessen. Scham kann sich auf Mitmenschen übertragen, wie auch Wut, Trauer oder Angst. Dissoziation, also das abdriften von Bewusstsein, Gedächtnis und Identität ist ein kurzfristiger Ausweg aus dem beklemmenden Gefühl - aber keine langfristige Lösung. Scham verhindert auch, dass Menschen, die Hilfe brauchen würden, diese in Anspruch nehmen. Scheitern, schlechtes Gewissen und Schuldgefühle befeuern Scham - aber auch als politisches Instrument kann das ungute Gefühl manipulativ genutzt werden.

Armut, Rassismus, soziale Ausgrenzung, Diskriminierung und Vorverurteilung beflügeln Scham und treibt Individuen in eine nach unten gerichtete Spirale. Beschämung ist eine wirksame Waffe, um Gegner an den Rand zu drängen - egal ob am Schulhof, in der Familie, in der Bierrunde oder der Bulimie-Selbsthilfegruppe. Vergesellschaftete Beschämung hat sozialpolitische Dynamik und ist gefährlich - deshalb gibt es auch die ärztliche Schweigepflicht. Hans Groiss untersucht soziologische, philosophische, pädagogische, juristische und geschlechtsspezifische Aspekte der Scham.

Service

Scham - 100 Gründe, rot zu werden - Hg. für das Deutsche Hygiene-Museum von Daniel Tyradellis
ISBN 978-3-8353-1935-6 (2016)

Kostenfreie Podcasts:
Radiokolleg - XML
Radiokolleg - iTunes

Sendereihe

Gestaltung

  • Hans Groiss