Ultra-orthodoxe Juden während des Sukkots

AP/SEBASTIAN SCHEINER

David Weiss über Sukkot

"Bei Wind und Wetter". Gedanken über das jüdische Laubhüttenfest macht sich der Schriftsteller David Weiss

Als ich im Winter in Neuengland den dichten Schnee fallen sah, dachte ich, da wird doch bald einer fragen, wo denn der Klimawandel geblieben ist? Kaum, dass ich den Gedanken beendete, schallte die Frage auch schon aus dem Radio. Der US-Präsident stellte sie dem Kongress.

Lautet die Alternative für die Zukunft tatsächlich: Laubhütte gegen Wolkenkratzer? Keine zwei Gassen von unserem Apartment in Connecticut entfernt lebten Menschen in Unterkünften, die einer Sukka ähnelten. Menschen hausten dort in Verschlägen aus Einkaufswägen und Abfall. Aus Not. Die großen Supermärkte akzeptierten die Lebensmittelmarken der staatlichen Sozialhilfe nicht, nur die dubiosen Eckläden mit den Regalen voller Junkfood. Bei den Armen kamen niemals Gemüse, frisches Obst oder gutes Fleisch auf den Tisch. Ein groteskes Horrorszenario: Fettleibige starben an Unterernährung. Erst Schmerzmittel, dann Drogen betäubten die Beschwerden. Woanders quollen die Abfalleimer über. Mit altbackenem Brot, angebissenen Steaks und braungefleckten Früchten.

Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, nennt das die Geschichte. Fortschritt und Wohlstand, Solidarität, Klimarettung und Armutsbekämpfung wären Dinge, die einander ausschlössen, erklären mir Hedonisten und Zyniker. Seltsam, das Gerechte scheitert immer an den Umständen. Das Ungerechte findet immer einen Weg. Die Bewohner der Wolkenkratzer und die Obdachlosen begegnen sich nie. Sie wissen vom Hörensagen und der Unterhaltungsindustrie, dass es "die Anderen" irgendwo gibt. Die Vorstellungen voneinander sind fester Glaube. Im vom Gott bereinigten Puritanismus des Kapitals bedeutet Wohlstand, zu den Auserwählten zu gehören. The Chosen besuchen Privatschulen und Eliteunis, fahren stets Auto niemals Bus.

Gottes erstes auserwähltes Volk hat in Laubhütten begonnen. Als Nomaden unter freiem Himmel. Sie haben es nie vergessen. Vielleicht würden auch heute eine Wallfahrt und ein gemeinsames Fest in Laubhütten helfen, dass an die Stelle der Dystopien wieder Utopien treten. Eine Verheißung anstelle der Apokalypse.

Service

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Astor Piazzolla/1921 - 1992
Bearbeiter/Bearbeiterin: Raul Jaurena /Arrangement
Album: GIORA FEIDMAN PLAYS PIAZZOLLA
Titel: Milonga del Angel / Bearbeitung für Klarinette und Orchester
Solist/Solistin: Giora Feidman /Klarinette
Orchester: Südwestdeutsches Kammerorchester Pforzheim
Leitung: Vladislav Czarnecki
Länge: 05:45 min
Label: Warner Strategic Marketing 092

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