Martin Schenk über Schulen

Über Schulsysteme, in denen der soziale Hintergrund nicht über den Bildungserfolg mitentscheidet - der Sozialexperte und stellvertretende Direktor der Diakonie Österreich Martin Schenk

"Ich mache es, weil ich das Gefühl habe, dass es Sinn macht. Weil ich das Gefühl habe, dass da meine Energie wirklich an einen Platz kommt, wo sie gebraucht wird. Und auch wenn ich nicht behaupten würde, dass es ein einfacher Job ist, sondern einer mit vielen Schwierigkeiten und Herausforderungen, ist es gleichzeitig extrem spannend, und ich lerne viel von den Kindern. So, wie sie hoffentlich auch viel von mir lernen." Simone Peschek ist Lehrerin in einer Neuen Mittelschule in Wien Simmering. Warum tust du dir das eigentlich an, an einer solchen Schule zu unterrichten? Die Frage hört sie oft. Was antun? Die Kinder? Die Frage kränkt sie. Und die Frage richtet den Kindern aus, dass sie weniger Wert haben, dass die anderen was Besseres sind.

Die Frage wird hörbar als Echo der Bedingungen im österreichischen Schulsystem. Dieses weist einen besonders starken Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg auf. Es existiert kein Land, in dem der soziale Hintergrund nicht über den Bildungserfolg mitentscheidet. Allerdings gibt es sehr wohl Länder wie Schulsysteme, in denen der Zusammenhang schwächer oder stärker ist.

Es gibt einige internationale Beispiele, die zeigen, wie Schulen an benachteiligten Standorten die Trendwende schaffen können. In Berlin beispielsweise wurden zehn Schulen ausgewählt, in denen es schwache Lernergebnisse gab, viele Kinder aus Haushalten mit wenig Geld unterrichtet wurden und in denen es häufiger als in anderen Schulen zu Gewalt kam. Und alle Anstrengungen unternommen wurden, die Schulen zu verbessern. Die Erkenntnisse daraus - Erstens: Schulen in kritischen Lagen verändern sich selten von sich aus. Der Anstoß muss von außen kommen. Zweitens: Unterrichtsqualität gehört ins Zentrum gerückt. Drittens: Alles tun, um die Qualität und die Haltung der Lehrkräfte zu verbessern, schulinterne Fortbildungsprogramme aufsetzen. Viertens: Teamstrukturen aufbauen, multiprofessionelle Teams in Schulen fördern. Fünftens: Das Grätzel, den Sozialraum um die Schule miteinbeziehen und Sechstens: Schule ganztägig führen.

Ähnlich beim Projekt "London Challenge". Anfang der 2000er Jahre stiegen nur noch neun Prozent der Schüler & Schülerinnen öffentlicher Londoner Mittelstufenschulen in die Oberstufe auf. Fünf Jahre später kamen 70 Prozent in die Oberstufe. Im Zentrum des Turnarounds stand die Qualität des Unterrichts, das Bilden von Lehrerteams, Ressourcen für pädagogischen Umbau und eine neue Haltung gegenüber den Kindern: "Lass dich nicht unterkriegen. Wir trauen dir zu, dass du viel kannst." Und letztlich der Versuch, die besten Lehrkräfte zu gewinnen: "We are not doing it because it's easy, we're doing it because it's hard."

Der große evangelisch-reformatorische Pädagoge Johann Commenius bemühte sich bereits vor über 400 Jahren um Bildung, die jedem einzelnen Menschen ungeachtet seines Alters, seiner Besitzverhältnisse, seines gesellschaftlichen Standes und seines Geschlechts zukommen soll. "Die Lust zu ergründen", wollte er fördern.

"Lehrerin sein ist ein cooler Job". Simone Peschek hat selbst gemischte Schulerfahrungen, wenn sie an ihre Zeit als Schülerin zurückdenkt, von sehr gut bis schlecht. "Aber es waren die guten Lehrer, die mich geprägt haben. Das möchte ich weitergeben."

Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Klaus Trabitsch
Album: LUFTDEPPERT
Titel: Du & i/instr.
und
Solist/Solistin: Klaus Trabitsch /Gitarre
Länge: 04:08 min
Label: Extraplatte EX 1602 CD

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