Ali Janka und Tobias Urban

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Ö1 Kunstsonntag: Spezial zum steirischen herbst

Im Zeichen der Pandemie verschränken sich soziale Isolation, Massenüberwachung und Verschwörungstheorien; die immer deutlicher werdenden ökonomischen Auswirkungen des Virus kanalisieren sich zu einem unentrinnbaren Zustand der Beklemmung. Der steirische herbst hat auf diese Gemengelage mit einem eigenen Medienformat namens Paranoia TV reagiert. In diesem Kunstsonntag Spezial - am letzten Festivaltag - begeben wir uns auf die Spuren einer neuen Festivalrealität und lassen den steirischen herbst inklusive seinem Parallelprogramm Revue passieren.

Außergewöhnliche Zeiten verlangen außergewöhnliche Formate - daher wurde der traditionsreiche steirische herbst heuer größtenteils in den virtuellen Raum verlagert. Aber nicht ausschließlich: auch der öffentliche Raum in Graz wurde bespielt, sowie die Festival-Zentrale in der Grazer Herrengasse. Stimmungsbilder des Festivals hat Maria Motter eingefangen, etwa in der Paranoia TV Zentrale in der Herrengasse, bei Catrin Bolts Installation eines EU-Grenzzauns in einem Privatgarten oder bei der Aufführung von Dorian Concepts Musikstück "Hyperopia" durch das Klangforum Wien im Rahmen des ORF musikprotokolls.

Für den Ö1-Festivalpodcast "Who's Afraid of..." haben Petra Erdmann und Thomas Edlinger das zentrale Thema des steirischen herbsts, "Paranoia", aufgegriffen. Sie haben mit Kulturschaffenden - allesamt am steirischen herbst beteiligt - gesprochen: über Ängste und Krisen im Spannungsfeld zwischen persönlicher Erfahrung und künstlerisch-erzählerischer Reflexion. Unter anderem mit der Schriftstellerin Judith Schalansky, dem Philosophen Robert Pfaller und dem Theatermacher Milo Rau.

Viele Projekte sind im Auftrag des steirischen herbsts für das Medium Internet produziert worden und können auf Paranoia TV konsumiert, rezipiert oder genossen werden. Darunter auch eine 25-teilige Podcast-Reihe des deutschen Schriftstellers Ingo Niermann, basierend auf seinem Roman "Deutsch-Südost". Das sind 25 fiktive Portraits von Männern, die sich in eine bizarre Kolonie zurückziehen, die letzte Bastion der weißen Männer. Die Persönlichkeiten sind zwar fiktiv, haben aber unschwer erkennbare Ähnlichkeiten mit real existierenden Persönlichkeiten; etwa mit dem Ornithologen und kompromisslosen Umweltschützer Pentti Linkola, der eine radikale Reduktion der Weltbevölkerung zugunsten der Natur forderte. Niermanns Texte werden von Mavie Hörbiger gelesen.

Den Frauen im Nationalsozialismus war ein weiterer Programmpunkt des diesjährigen steirischen herbsts gewidmet: "Vom BDM bis Theresienstadt: Der Nationalsozialismus und die Frauen von Geidorf" - das war ein Frauenspaziergang, den die Grätzelinitiative Margaretenbad rund um die pensionierte Psychotherapeutin Claudia Beiser angeboten hat. Beiser selbst bringt in den Spaziergängen auch ihre eigene Familiengeschichte ein.

Die Schauspielerin und Autorin Susanne Sachsse antwortet auf die neue Performance-Realität in Zeiten physischer Distanz mit ihrem "musikalischen Unterhaltungsrundfunkdienst"; ihr Anti- Hörspiel "YOU'RE SO PARANOID, YOU PROBABLY THINK THIS RADIO SHOW IS ABOUT YOU" ist in Zusammenarbeit mit dem Filmtheoretiker Marc Siegel und dem Experimentalmusiker Jamie Stewart von der Band Xiu Xiu entstanden.

Gestaltung: Petra Erdmann und Anna Soucek

Service

Ö1-Festivalpodcast "Who's Afraid of..."
Paranoia TV - steirischer herbst 2020

Sendereihe