Weltstottertag 2020

Stottern - Leben mit einer stigmatisierten Redeflussstörung

Fast zehn Jahre sind vergangen, seit der Film "The King's Speech" Stottern zum ersten Mal auf die Kinoleinwände der Welt brachte und damit in den breiten öffentlichen Diskurs. Plötzlich waren die Medien voll mit Interviews und Beiträgen von Stotternden, doch die Aufmerksamkeit ist schnell verpufft. Seitdem hat sich nur bedingt etwas in den Köpfen und an der Wahrnehmung der Menschen verändert. Noch immer denken viele, Stottern wäre primär die Folge von psychischen Störungen oder könnte mit ausreichendem Logopädie-Training geheilt werden. Anlässlich des heute stattfindenden Weltstottertags, den es seit mittlerweile 22 Jahren gibt, nutzen wir deshalb die Gelegenheit, um auf die aktuelle Situation von Stotternden aufmerksam zu machen und genauer nachzufragen, was sich denn eigentlich in den zwei Jahrzehnten verändert hat.

Ca. 80.000 Menschen stottern in Österreich

In den meisten Fällen ist Stottern genetisch verursacht. Die jeweilige Ausprägung des Stotterns entsteht im Entwicklungsverlauf der Störung. Im Durchschnitt wird Stottern im Alter von 2 bis 6 Jahren zum ersten Mal beobachtet. Bei etwa 70 bis 80 Prozent der Kinder verschwindet das Stottern vor dem 6. Lebensjahr. Stottert ein Kind bereits 6 bis 12 Monate, sollte man mit einer Behandlung beginnen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Stottern auch im Erwachsenenalter bestehen bleibt, ist bei Buben größer als bei Mädchen. Heute weiß man, der sprachliche Umgang sowie der Erziehungsstil können als Ursache des Stotterns ausgeschlossen werden.

Stottern ist keine psychische Störung

Stottern ist eine Redeflussstörung, dabei sind die Sprechprozesse und -planungen im Gehirn gestört. Bildgebende Untersuchungen von Betroffenen zeigen Veränderungen einiger Strukturen und Funktionen des Gehirns. Häufig sind der Ablauf, Rhythmus, Bewegungen und Atmung beim Sprechen sowie die Aussprache und Stimme beim Stottern gestört. Begleitsymptome, wie beispielsweise starkes Blinzeln oder Anspannung der Gesichtsmuskulatur, sind ein Versuch dem Stottern vorzubeugen oder es zu beenden. Die Reaktionen des Umfelds und die Frustration über die Sprechstörung kann bei vielen Stotternden zu sozialen Ängsten oder Depressionen führen.

"Unterbrich mich bitte nicht!"

Denkt sich die 28-jährige Jaqueline Gam auch noch heute. Sie ist Journalistin, arbeitet beim Freien Radio Orange in Wien, hält Vorträge über Feminismus und Genderpolitik und sie stottert. Nach dem Ehrgeiz in der Kindheit, sich das Stottern mittels logopädischer Übungen abzutrainieren, folgte als Teenagerin ihre Wut. Wut darüber, sich ständig beweisen zu müssen. Wut darüber, immer wieder für eine "Sonderbehandlung" kämpfen zu müssen. Noch heute erinnert sie sich ungern an ihre Schulzeit. Daran, wie viel Aufwand sie betreiben musste, um bei der mündlichen Matura mehr Zeit zur Verfügung gestellt zu bekommen.
Erst nach der Schule ließ der innere Druck nach. Mittlerweile fühlt sie sich mit ihrem Stottern wohl, spricht Radiobeiträge ein und klärt ihr Gegenüber geduldig über ihre Redeflussstörung auf, wenn sich mal wieder jemand über ihr Stottern lustig macht.

Stottern ist nicht heilbar

Zumindest im Erwachsenenalter ist Stottern nicht heilbar, aber man kann lernen damit zu leben. Vorbilder wie Jaqueline Gam helfen, (jungen) stotternden Menschen, sich zu entfalten und zu verstehen, dass man auch mit Beeinträchtigung seine beruflichen und privaten Wunschvorstellungen erfüllen kann. Darüber hinaus gibt es österreichweit immer mehr Selbsthilfegruppen. Hier können Teilnehmende gemeinsam gelernte Techniken üben, drohende Rückfälle bekämpfen, Erfahrungen austauschen und sich gegenseitig Rückhalt in der Gruppe bieten.
In Deutschland gibt es sogar Initiativen wie "Flow - die junge Sprechgruppe der BVSS", die über YouTube Aufklärungsarbeit leisten und speziell junge Leute ansprechen.

In der aktuellen Ausgabe des Radiodoktors spricht Univ.-Prof. Dr. Markus Hengstschläger mit seinen Studiogästen über den aktuellen Stand der Forschung, bewährte Therapiemöglichkeiten und über die Rolle der Gesellschaft.

Eine Sendung von Dr. Christoph Leprich und Johanna Hirzberger, MA. MA.

Reden auch Sie mit! Wir sind gespannt auf Ihre Fragen und Anregungen. Unsere Nummer: 0800/22 69 79, kostenlos aus ganz Österreich.

Haben Sie oder ein Angehöriger Erfahrungen mit dem Stottern?
Welche Therapien haben Sie oder Ihr Angehöriger gemacht?
Wie gehen Sie und Ihr Angehöriger im Alltag mit dem Stottern um?
Welche Situationen sind besonders herausfordernd?
Haben Sie oder ein Angehöriger bereits Erfahrungen mit Selbsthilfegruppen gesammelt?

Service

Sendungsgäste:

Univ.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Markus Gugatschka
LKH-Universitätsklinikum Graz
HNO-Uniklinik
Leiter der Klinischen Abteilung für Phoniatrie
Auenbruggerplatz 26
8036 Graz
Tel.: +43/316/ 385-82579
Homepage

Jaqueline Gam
Betroffene, Journalistin und Aktivistin
E-Mail: pr@o94.at
Tel.: +43-1-319 0 999-18
Homepage

Petra Nickel
Logopädin und Kulturschaffende
Brahmsplatz 7/4a
1040 Wien
Tel.: +43 (0)650 270 14 84
Homepage

Weitere Anlaufstellen und Info-Links:

Österreichische Selbsthilfe-Initiative Stottern (ÖSIS)
Logopädie in Österreich - mit TherapeutInnenliste
Patientenleitlinie Redefluss-Störungen: Stottern und Poltern
Pathogenese, Diagnostik und Behandlung von Redeflussstörungen
Parlo - Institut für Forschung und Lehre in der Sprachtherapie
International Stuttering Awareness Day, Online Conference 2020
Die Säulen des flüssigen Sprechens
Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie
Therapiemöglichkeiten im Überblick: Fluency Shaping und Stottermodifikation

Buch-Tipps:

Tobias Haase, Filippo Smerilli (Hrsg.), "Ihr seid viel stärker, als ihr denkt!": Texte zu positiven Aspekten des Stotterns", Verlag Stottern & Selbsthilfe 2019

Eelco de Geus, Almut Fleißner, "Manchmal stotter' ich eben. Ein Buch für stotternde Kinder von 7 bis 12 Jahren", Verlag der BV Stotterer Selbsthilfe e.V. 2011

Bernd Hansen, Claudia Iven, "Stottern bei Kindern: Ein Ratgeber für Eltern und pädagogische Fachkräfte", Verlag Schulz-Kirchner 2020

Michael Decher, "Stottern bei Jugendlichen und Erwachsenen: Ein Ratgeber für Betroffene und deren Angehörige", Verlag Schulz-Kirchner 2014

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