Zwischenruf

Martin Jäggle über das Erinnern

Warum es niemals genug mit dem Erinnern ist, erzählt Martin Jäckle, Präsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, einen Tag vor dem Gedenktag an die Novemberpogrome

In der finanziell prekären Situation meiner Familie ist es eine Überlebensfrage gewesen, beim Einkaufen anschreiben lassen zu können. Herr Bratmann in der Judengasse hat uns diese Möglichkeit geboten. Kurz vor Weihnachten 1962 hat unsere Mutter meine Schwester zu ihm geschickt, um unsere Schulden zu bezahlen. Da hat Herr Bratmann zu ihr gesagt: "Ihr habt keine Schulden. Es ist doch Weihnachten." Die Dankbarkeit und Freude ist bei uns sehr groß gewesen, aber die Größe des Herrn Bratmann ist uns erst Jahre später bewusst geworden. An der eintätowierten Nummer war er als ehemaliger KZ-Gefangener zu erkennen. Wir hatten ihn nie darauf angesprochen.

Wenn Herr Bratmann sagt: "Ihr habt keine Schulden." Dann meint er Geldschulden. Könnte es nicht in einem weiteren Sinn verstanden werden, gerade im Munde eines ehemaligen KZ-Gefangenen? "Ihr habt keine Schuld". Was für nach der Shoa Geborene ja zutrifft - also für die, die nach dem fürchterlichen Morden des NS-Regimes auf die Welt gekommen sind. Doch wer steht für die Schuld an der Shoa ein, wenn es die Täter und Täterinnen und alle jene, die den Boden dafür bereitet haben, nicht tun? Kommen daher die Schuldgefühle so vieler Nachgeborener?

1988, also 50 Jahre nach dem sogenannten "Anschluss" Österreichs, haben erstmals Schulen jungen Menschen in einer breiter angelegten Aktion die Möglichkeit gegeben, die Geschichte ihrer Schule zu erforschen. Am Gymnasium unserer Kinder ist damals eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern dem Schicksal jener jüdischen Menschen nachgegangen, die 1938 diese Schule verlassen mussten. Noch lebende Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sind eingeladen worden und haben erzählt, wie sie seinerzeit nach dem katholischen Religionsunterricht in der Schule verprügelt wurden. Mit dem Argument: sie seien Gottesmörder.

In Begleitung dieses Projektes habe ich eine Führung durch die Mazzesinsel organisiert, wie der 2. Bezirk früher abschätzig genannt worden ist. Die Führerin hat uns mit Hilfe einer Fotomappe eine Vorstellung von jüdischen Einrichtungen gegeben, an die 1988 gar nichts mehr erinnert hatte. Mein Bericht hat den Titel "Als nichts zu sehen war, mir aber die Augen aufgingen". Wie konnte die Erinnerung an die jüdische Geschichte in diesem Bezirk, dessen halbe Bevölkerung vertrieben oder ermordet worden ist, so lange erfolgreich verhindert werden? Zu viele meinten schon damals, es müsse endlich genug sein mit dem Erinnern.

Das aktuelle Regierungsprogramm 2020 - 2024 "Aus Verantwortung für Österreich" sieht vor, die "Erinnerungskultur für Jugendliche" zu stärken. Besser wäre aus meiner Sicht als Pädagoge: "Erinnerungskultur mit Jugendlichen" stärken. Das Akademische Gymnasium Wien gibt dafür ein gutes Beispiel. Am 27. April 1938 mussten alle, die jüdischer Herkunft waren, die Schule verlassen. Dieser "Tag der Entschulung" wird jährlich von den 4. Klassen gestaltet. Ab der 1. Klasse wissen die jungen Menschen: "In ein paar Jahren sind wir dran." Die Schule stellt Datum und Rahmen zur Verfügung, die Jugendlichen füllen es inhaltlich und gestalterisch. Das ist "Erinnerungskultur mit Jugendlichen".

Am 9. November 1938 haben im ganzen Deutschen Reich, also auch in Österreich, die Synagogen gebrannt. Der morgige Tag gibt allen die Möglichkeit zum Gedenken an dieses Novemberpogrom - auch in Dankbarkeit für das wieder möglich gewordene jüdische Leben.


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