Caritas-Präsident Michael Landau

APA/HELMUT FOHRINGER

Michael Landau über Krisenbewältigung

"Blaupause für die Menschlichkeit". Caritas-Präsident Michael Landau spricht unter anderem darüber, warum in seinen Augen der Umgang mit der Corona-Krise zur Blaupause für den Umgang mit vielen anderen gegenwärtigen Krisen werden
könnte

Es ist nicht allzu lange her, da hatten wir einen interessanten Besucher zu Gast in einem unserer Flüchtlingshäuser. Der Besucher - nennen wir ihn Franz R. - war nicht ganz freiwillig zu Gast.

In Wirklichkeit war er vor die Wahl gestellt, die Kosten eines Prozesses zu tragen, den er zu verlieren drohte oder einen Freiwilligeneinsatz in unserem Haus zu absolvieren. Franz R. hatte - wie so viele andere auch - Lügen im Netz verbreitet. Da stand er nun, hat bei der Essensausgabe geholfen, mit Kindern gespielt und Gewand sortiert in der Kleiderkammer. Er hat erzählt, er sei kein Kampfposter. Er hatte keinen Account auf Facebook und auch kein Smartphone. Er hat Zeit seines Lebens gearbeitet und war nun in Pension. Wir haben ihn gefragt, warum er die Unwahrheit gepostet hat? Er sagte: Ihm seien die Sicherungen durchgebrannt. Ich glaube, er hatte auch das Gefühl, auf Menschen wie ihn würde vergessen.

Seit vielen Jahren heißt es, die Gesellschaft wäre gespalten. Wenn es um geflüchtete Menschen oder um Corona geht. Brexit. Trump. Hier die Klimaschützer, dort die Klimaleugner. Ich glaube nicht an diese Mär der Spaltung. Ich glaube: Ein Teil von Franz R. steckt in jeder und jedem Einzelnen von uns - auch in mir. Wir kennen beides: Den Wunsch zu helfen und die Frage, wie sich das alles ausgehen soll. Wir tragen oft beides in uns: Den Mut und die Angst. Den Glauben und den Zweifel. Die Liebe und den Hass.

Ich habe damals verstanden: Franz R. ist mir vermutlich näher als ich es im ersten Moment glauben wollte. Und das ist eine gute Nachricht. Sie bedeutet auch: Wir können und sollen im Dialog bleiben. Was nähren wir in uns selbst? Und worauf fokussieren wir als Gesellschaft? Auf unsere Ängste, oder auf unsere Chancen? Auf das, was uns trennt oder was uns verbindet?

Franz R. hat am Ende seines Besuchs gesagt: Er habe gelernt, wieder beide Seiten zu hören. Die Begegnung mit der anderen Wirklichkeit - sie hat ihm gut getan. Ich bin überzeugt: Sie täte uns allen von Zeit zu Zeit gut.

Service

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Sendereihe

Gestaltung

Übersicht

Playlist

Komponist/Komponistin: Yann Tiersen/geb.1970
Gesamttitel: LE FABULEUX DESTIN D'AMELIE POULAIN / Original Filmmusik
Titel: La redecouverte/instr. (tw. 2x gespielt!)
Anderer Gesamttitel: DIE FABELHAFTE WELT DER AMELIE / Original Filmmusik
Solist/Solistin: Yann Tiersen /div.Instrumente
Länge: 01:12 min
Label: Ici d'ailleurs/Labels/Virgin 3

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