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ORF/JOSEPH SCHIMMER

Radiogeschichten

Das Fenster zum Hof

"Der Lichthof" von Hartmut Lange. Es liest Sven Dolinski

"Ich kann meinen Freunden schließlich nicht erklären, dass es dort einen Abgrund zu sehen gibt", sagt Hannelore zu ihrem Mann und schließt das Bad ab, als sie das erste Mal zu sich in die neue Wohnung einladen. Der Abgrund, das ist ein Lichthof hinter dem Badezimmerfenster, in dem der Putz unschön in eine unzugängliche Tiefe bröckelt. Der Anblick ist für Hannelore der einzige Makel am sonst perfekten Jahrhundertwendealtbau. Bis etwas geschieht, "womit niemand rechnen konnte". Und alles unzumutbar wird.

Den Berliner Schriftsteller Hartmut Lange (*1937) kennt man vor allem für seine Novellen - etwa für den Novellenband "Die Waldsteinsonate" - auf die er sich seit den 1980er Jahren vornehmlich fokussiert. Lange nimmt es ernst mit Goethes Definition vom "Unerhörten", das diese Erzählgattung bieten müsse. Verdichtet und präzise führt er seine Figuren an den Punkt, wo die Erde bebt und das Unerhörte über sie hereinbricht. Langes Novellen zeichnen sich aber nicht durch den Moment der Erschütterung aus, sondern durch die Ahnung, dass der Abgrund immer offensteht. So auch in der Titelgeschichte seines neuen Novellenbands "Der Lichthof".

Gestaltung: Antonia Löffler

Service

Hartmut Lange: "Der Lichthof". Aus dem gleichnamigen Novellenband. Diogenes Verlag 2020

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