Karl Renner, 1949

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Radiokolleg - Staatsmann, Schlitzohr, Sozialist

Der Republiksgründer Karl Renner im Porträt (4). Gestaltung: Günter Kaindlstorfer

Er stand an der Wiege der Ersten und der Zweiten Republik - und an der Bahre der Ersten. Kaum ein Politiker hat die Geschicke Österreichs in der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhundert so entscheidend mitgestaltet wie Karl Renner - ein Mann, in dessen Charakter sich glanzvolle, wie auch problematische Seiten mischten.

Der zweimalige Kanzler, 1870 im südmährischen Unter Tannowitz (heute: Dolní Dunajovice) als jüngstes von achtzehn Kindern geboren, ist in bitterarmen Verhältnissen aufgewachsen. Nach der Zwangsversteigerung des elterlichen Bauernhofs - ein lebenslanges Trauma -, kämpfte sich der junge Deutschmähre mit Bildungsfleiß und ungeheurer Zähigkeit aus Armut und Entbehrung heraus. Mithilfe eines Stipendiums besuchte Renner das Gymnasium von Nikolsburg (heute: Mikulov), wo er den Professoren durch seine Intelligenz und seine Begabung für lateinische Grammatik auffiel.

Während des Jusstudiums in Wien näherte sich der junge Mann - anders als die Mehrzahl seiner Kommilitonen, die deutschnational oder katholisch-konservativ eingestellt waren - der "Sozialdemokratischen Arbeiterpartei" an. 1895 war Karl Renner maßgeblich an der Gründung der internationalen "Naturfreunde"-Bewegung beteiligt. Der künstlerisch und literarisch interessierte Jurist, der sich zeitlebens als Marxist verstand, positionierte sich von Anfang an auf dem reformistisch-pragmatischen Flügel seiner Partei. "Er war überzeugt davon, dass Kompromiss und die Suche nach Ausgleich keine Fehlentwicklungen sind, sondern unvermeidlicher Bestandteil des demokratischen Lebens", so sein Biograph Siegfried Nasko.

Karl Renner hat sich außergewöhnliche Verdienste um die Demokratisierung Österreichs erworben. Als Gründungskanzler der Ersten Republik war er maßgeblich an der Verabschiedung bahnbrechender Reformgesetze beteiligt. Er verantwortete die Einführung des Frauenwahlrechts und des Achtstundentags, die Gründung der "Arbeiterkammern", die Etablierung eines Betriebsrätegesetzes und die Einführung einer Arbeitslosenversicherung. Karl Renner war es auch, der Hans Kelsen mit der Ausarbeitung der österreichischen Bundesverfassung beauftragte.

Wo viel Licht, da viel Schatten. Seine Kritiker werfen Renner bis heute seinen Opportunismus und seine bauernschlaue Wendigkeit vor. Renner hat den Ruf eines Wendehalses, der seine Ideale den taktischen Erfordernissen anzupassen wusste: Der Kanzler, ein rechter Sozialdemokrat, hat verstanden, sich mit dem linken Flügel seiner Partei ebenso zu arrangieren, wie mit führenden Politikern der christlich-sozialen Partei, den Großdeutschen, den Nationalsozialisten und zuletzt den Stalinisten. Auch Renners Deutschnationalismus und sein berühmt-berüchtigter Aufruf von 1938 für den "Anschluss" an Hitler-Deutschland zu stimmen, trüben das Renner-Bild bis heute.

Service

Siegfried Nasko: "Karl Renner - Zu Unrecht umstritten? Eine Wahrheitsssuche", Residenz-Verlag, Salzburg, 264 Seiten, ISBN: 9783701734009

Richard Saage: "Der erste Präsident - Karl Renner - Eine politische Biographie", Zsolnay-Verlag, Wien, 416 Seiten, ISBN: 9783552057739

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