Lichtspiele und Fensterläden

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Radiokolleg

Radiokolleg - Sehnsucht

Ein bittersüßes Gefühl (4)
Gestaltung: Verena Gruber

Sehnsucht ist ein vielschichtiges Gefühl, das viele Gefühle in sich vereint: Freude und Schmerz, Begierde und Trauer, Ruhe und Unruhe. Es ist nach vorne und nach hinten gerichtet - in die Vergangenheit und in die Zukunft. Sehnsucht kennen alle Menschen quer über den Erdball verstreut. Aber: Menschen sehnen sich nach unterschiedlichen Dingen und Zuständen: nach Geborgenheit, nach Liebe, nach Ruhm, nach Heimat, nach Kindheit, nach Gesundheit, nach Abenteuer, nach Frieden, nach Stille.

Das Gefühl des Mangels ist der Motor für die Sehnsucht und dieser Motor wird benutzt. Mit unseren Sehnsüchten spielt die Werbung. Das Bild vom fahrenden Cabrio entlang an Strand und Meer soll zum Beispiel unsere Sehnsüchte nach Freiheit und Unbeschwertheit wecken. Eine ganze Schlagerindustrie baut sich auf der Sehnsucht nach der perfekten Liebe auf.
Kaum irgendwo sonst als in der Liebe setzt die Sehnsucht zu besonders intensiven Höhenflügen an. Zwischen innig und nahe und zwischen fern und unerreicht bewegt sich die Sehnsucht dort als unstillbares Gefühl. Sie ist auch der Ort der größten Enttäuschungen.

Sehnsucht ist aber nicht nur ein intimes Gefühl, sondern auch ein kulturelles Phänomen. Sie beginnt in der Antike mit dem Locus amoenus, dem paradiesischen Sehnsuchtsort, der ein abgeschiedenes Fleckchen unter Bäumen an einem Bach war, wo Blumen sprießen und Vögel singen. In der Romantik war die Sehnsucht Lebenselixier und ihr Motiv war die blaue Blume auf dem Feld. Viele Dichter und Musiker sprachen und sprechen von der der Sehnsucht als kreativer Motor. Sie ist eine Schubkraft für Literatur, Musik, Philosophie und Religion.

Und schließlich gibt es da noch Sehnsuchtsorte. Für viele Menschen sind dies weite Landschaften, Berge oder das Meer. Sie verbinden damit Erhabenheit und ein Gefühl des Eingebundenseins in ein größeres Ganzes. In Zeiten der Pandemie, der aufgezwungenen Distanz und Vernunft und des Nicht Reisen Könnens, haben sich auch unsere Sehnsuchtsorte verändert. Neue sind aufgetreten, alte haben sich verändert, Orte wurden zu Sehnsuchtsorten, die vorher keine waren.

Die Sehnsucht ist ein bittersüßes Gefühl, das - wie immer es auch zum Ausdruck kommt - den Menschen antreibt.


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