Jean-Baptiste Pocquelin

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Gedanken für den Tag

Moliere als Feminist

Komödiant des Menschlichen - Zum 400. Geburtstag von Molière
von Wolfgang Müller-Funk, Literaturwissenschafter

Moliere ist kein Feminist im heutigen Sinne, aber viele seiner Frauenfiguren zeugen davon, dass er Witz, Klugheit und List des anderen Geschlechts zu schätzen weiß.
Nie zuvor ist das Patriarchat mit scheinbarer leichter Hand und mit viel List so dem Spott preisgegeben worden. Molieres paternalistische Familiendiktatoren, der Geizhals Harpagon, der Hypochonder Argan, der törichte Hausvorstand Orgon, der, anders als seine Frau und seine Tochter, auf den scheinheiligen Betrüger Tartuffe hereingefallen ist, sind mit Torheit geschlagen. Molieres Frauen wiederum sind keine bloßen Opfer und keine willfährigen Befehlsempfängerinnen, sondern selbstbewusste Individuen, die sich zu wehren wissen und ihre Interessen und Wünsche mit List und Hinterlist, mit Witz und Intrige durchsetzen.

Seine Komödie Die Schule der Frauen hat Moliere nicht ohne Hintergedanken einer Frau und Gönnerin, der Herzogin von Orleans, gewidmet; zweifelsohne waren ihm die Geschlechterdebatten, die er mit dem Stück auslöste, bewusst, weshalb er dem Stück eine Fortsetzung folgen ließ, in der er sich über seine Kritiker lustig machte.

Die Schule der Frauen behandelt ein beliebtes Thema: Ein Patron namens Arnolf möchte sein Adoptivkind ehelichen, weil er davon ausgeht, dass er die junge unerfahrene Frau spielend beherrschen kann. Doch dieser Plan - "Ich bin der Herr, der hier befiehlt! Gehorch und geh!" -- geht nicht auf. Patriarchen haben nie gelernt, Liebe zu gewinnen, weil sie, wie Agnes Adolf vorhält, gewohnt sind, machtförmig zu agieren: "Sie schelten mich zu Unrecht! Weshalb haben Sie nicht … gelernt, wie man ein Herz gewinnt?"

Der Plan des Mächtigen misslingt, weil im Märchenreich der Komödie der richtige Vater auftritt, der der Verbindung von Agnes mit ihrem Geliebten seinen Segen gibt. Dass Liebesbeziehungen nur durch Liebe zu legitimieren sind und nicht durch Machtworte, ist ein gesellschaftspolitisches Thema, das bis heute nachwirkt.

Service

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Nino Rota 1911-1979
Album: NINO ROTA: ORCHESTERWERKE VOL.3 - Grazioli/Orch.Sinf. di Milano G.Verdi
* 10. Agnés (00:02:15)
Titel: LE MOLIÈRE IMAGINAIRE - Ballett-Komödie (Ballet-Comédie) in 2 Akten von Choreograph Maurice Béjart 1976
1.AKT
Orchester: Orchestra Sinfonica di Milano Giuseppe Verdi
Leitung: Giuseppe Grazioli
Länge: 02:15 min
Label: Decca/Universal 4810694 (2 CD)

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