Ö1 Kunstsonntag: Radiokunst - Kunstradio

Vielfältige poetische Schleifen ...

"schleifen (ver)dichten" von Gertrude Moser-Wagner und Josef Reiter
Die Floridsdorfer Hochbahn quert den Norden Wiens. Diese eingleisige Bahntrasse mit Viadukten und Stahlbrücken, wird oft "Italienerschleife" genannt. Die viereinhalb Kilometer wurden 1916 von italienischen Zwangsarbeitern errichtet, um Waffentransporte zu beschleunigen. Das italienische Kriegsgefangenenlager Sigmundsherberg im Waldviertel war das größte der zerfallenden Monarchie. Heute wird diese Strecke mehrmals am Tag von Transportzügen befahren. An der Bahnstation Siemensstraße stehend, sieht man die "Italienerschleife" samt ihrem 1999 errichteten Wander-Bertoni-Mahnmal.

Die Station Siemensstraße ist Ausgangspunkt für das Kunstprojekt "Schleifen, Dichten" von Gertrude Moser-Wagner, in Zusammenarbeit mit Kunst im öffentlichen Raum Wien. Geschichtliche Hintergründe in poetischer Umdeutung vorliegender Elemente - wie etwa Mahnmal und Schleife, Stellwerk und Schiene - untersucht sie als Frage nach der Erfahrung mit ARBEIT. Der dritte Teil des einjährigen Projekts mit Kolleg:innen findet als performative 1. Mai "Ausfahrt" ab Siemensstraße und im Heizhaus Strasshof statt.

Das Kunstradio "schleifen (ver)dichten" ist eine weiterführende Arbeit mit Josef Reiter und geht vom Ort aus, den es akustisch aufbereitet. Materialen sind Reiters Field Recordings und Soundscapes, aufgenommen im Umfeld der "Italienerschleife" in Wien/Floridsdorf, in Schützengräben des 1. Weltkriegs in Kolovrat (Slowenien) und an Plätzen des ehemaligen Kriegsgefangenlagers in Sigmundsherberg. Dazu kommen Aufnahmen, eingespielt von Josef Reiter, mit einem Kontrabass und (tw. präparierten) Eisenbahnschienen. Dieses Klangmaterial wird, zum Teil elektronisch bearbeitet, gegeneinander gesetzt aber auch miteinander verwoben - atmosphärische Schleifen - Geräusche werden zu Musik transformiert und vice versa.
Weitere Ebenen sind gesprochene Passagen, kreisend um das Thema Arbeit, von Passant:innen aus der Soundarbeit "Akustischer Erinnerungsspeicher" von Wally Rettenbacher. Zum anderen Aufnahmen aus Italien von Gertrude Moser-Wagner, die sich vor Jahren mit Ventotene als Wiege der Europäischen Idee auseinandersetzte und sich nun die Gefängnisinsel Santo Stefano von einem Historiker beschreiben lässt. Die Aufzählung ist durchsetzt mit Passagen aus dem Buch "Schicksal Kriegsgefangenschaft" von Dr. Rudolf Koch, der sich mit Sigmundsherberg beschäftigte.

Kriege in Europa lägen hinter uns, so dachten wir, denn Wohlfahrt, Konsum, Selbstbestimmung, Demokratie, zusammen mit einer prosperierenden Ökonomie und mit globaler Vernetzung sowie Profitmaximierung und Auslagerung der Arbeit - ergäben automatisch den sozialen Frieden. Schon die Erfahrung in der Covid-Pandemie mit ihrem egozentrischen Freiheitsbegriff und anderen Verwerfungen hat uns verunsichert. Nun holen uns auf erschreckende Weise Kriege ein, wie jener in der Ukraine und lassen Fragen offen: jene nach dem Gedankenmodell Europa, einer militärischen Verteidigung, der künftigen Arbeit für alle, dem Bodenverbrauch, den schwindenden Ressourcen - kurz: Scheinbar gelöste Fragen wie die nach einer Weichenstellung, wohin der Zug der Zeit fährt, verdichten sich zu vielfältigen Schleifen ...

Dank: Wally Rettenbacher, Salvatore Schiano di Colella und Mitwirkende aus Ventotene, Rudolf Koch, Elisabeth Kargl und Saša Mitevski.

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"Schleifen, Dichten"

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