Im Gespräch
Elisabeth Reichart, Schriftstellerin
"Literatur ist ein Erinnerungsschatz"
Renata Schmidtkunz im Gespräch mit der Schriftstellerin Elisabeth Reichart
2. Mai 2025, 16:05
Generationsübergreifendes Schweigen Sprachlosigkeit, Verdrängen und weiblicher Widerstand sind zentral im Schreiben von Elisabeth Reichart. So auch in der Neuauflage ihres 1988 erschienen Romanes: "Komm über den See", der nach all den Jahren nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat. Ihre Protagonistin Ruth Berger, eine Dolmetscherin, übersiedelt für ein Jahr von Wien nach Gmunden. Sie sammelt Akten über NS-Widerstandskämpferinnen im Salzkammergut. Zu ihnen zählte Anna Zach, eine alte, aber ungebrochene Frau. Elisabeth Reichart, geboren 1953 im oberösterreichischen Steyregg, studierte Geschichte und Germanistik an der Universität Salzburg. In ihrer Dissertation, betreut von der Historikerin Erika Weinzierl, befasste sie sich 1983 mit dem kommunistischen Widerstand im Salzkammergut. In den 1980ern führte sie eineinhalb Jahre Schulklassen durch das KZ-Mauthausen. Ihr Debütroman "Februarschatten" erschien 1984 und befasste sich mit der "Mühlviertler Hasenjagd", der Verfolgung und Ermordung von entflohenen sowjetischen KZ-Häftlingen, auch unter Beteiligung der Zivilbevölkerung. Im Roman setzt sie sich mit dem Schweigen über NS-Verbrechen in der Nachkriegszeit, dem schmerzvollen Erinnerungsprozess und die Rolle von Frauen in der NS-Zeit auseinander. Seit 1982 lebt und arbeitet Elisabeth Reichart als freie Autorin in Wien. Für ihre Romane wurde sie mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Veza-Canetti-Preis der Stadt Wien im Jahr 2020. Im Gespräch mit Renata Schmidtkunz erzählt Elisabeth Reichart, wie sich Erinnerungskultur verändert, wie Kinder und Enkel der verstorbenen Zeitzeugen deren Aufgabe übernehmen und wie Literatur diese Lücke füllen kann.