Friedrich-Nietzsche-Büsten

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Gedanken für den Tag

Friedrich Nietzsche und der Abgrund

Gerald Hödl, Religionswissenschaftler, zum 125. Todestag

"Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn Du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in Dich hinein", schreibt Nietzsche in "Jenseits von Gut und Böse".

Wir kennen das alle: der tapfere Kämpfer gegen den Extremismus wird selbst zum Extremisten, aber eben auf der anderen Seite. Die Ideologiekritikerin wird ideologisch, dass es nicht zum Aushalten ist. Es bilden sich Parteien auf beiden Seiten. Diesen Prozess hat Nietzsche wohl am eindringlichsten dort beschrieben, wo es ihm um den Aufweis der Grausamkeit ging, auf der unsere Moralität beruht, die dieselben Mittel, die sie verurteilt, im Strafen anwendet.

Vielleicht ist das perspektivische Denken, das Nietzsche an den Tag gelegt hat, ein Mittel gegen diese Einseitigkeiten. So hat er auch mal geschrieben, dass die Fürsten, seit sie angeschossen werden, wieder fest im Sattel sitzen. Moral der Geschichte: Man muss die Moral anschießen. Was heißt, es geht nicht darum, die Moral abzuschaffen, sondern darum, zu einer gerechteren, objektiveren, nicht vom Racheimpuls bestimmten Moral zu gelangen.

Zu Nietzsches Perspektivismus gehört auch seine Kritik an Parteibildungen - und daraus folgt auch, dass man kein Nietzscheaner sein kann. Es wäre das gröbste Missverständnis seines Denkens, das sich als "freigeistig" verstanden hat, wenn man es zur Grundlage einer systematischen Weltanschauung machen wollte. Nietzsche hat klar gesagt, dass er allen Systematikern misstraut. Er hat auch geschrieben, dass jemand, der Anhänger sucht, der sich verhundertfachen will, Nullen suchen soll.

Am Schluss des vierten Teils von "Also sprach Zarathustra" halten die höheren Menschen ein Eselsfest ab. Nach dem Tod Gottes ist ihnen die Verehrung abhandengekommen. Besser noch einen Esel anbeten als gar nichts. Nietzsche karikiert damit die Sehnsucht des verehrenden Menschen nach einem Ideal. Was hat das nun mit dem Kampf gegen die Ungeheuer zu tun? Zum Ungeheuer wirst Du im Kampf gegen die Ungeheuer, indem du dein Ideal zu einem Götzen machst.

Service

Friedrich Nietzsche, "Die fröhliche Wissenschaft", Reclam 2024
Friedrich Nietzsche, "Also sprach Zarathustra", Reclam 2023
Friedrich Nietzsche, "Ecce homo", Anaconda 2025
Christian Tietz, "Nietzsche. Leben und Denken im Bann des Christentums", C. H. Beck 2025

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Kyrre Kvam
Gesamttitel: ALTES GELD
Titel: Altes Geld - Unter Löwen
Ausführende: Kyrre Kvam
Länge: 01:00 min
Label: ORF-Enterprise Musikverlag

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