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Gedanken für den Tag
Friedrich Nietzsche und das Ressentiment
Gerald Hödl, Religionswissenschaftler, zum 125. Todestag
23. August 2025, 06:57
In Nietzsches Moralkritik ist der Begriff des "Ressentiment" zentral. Das französische Wort bezeichnet seit Montaigne ein reaktives Gefühl. Nietzsche sieht im Ressentiment mehr als eine mechanische Reaktion. Er kommt damit dem nahe, was später Freud als "Verschiebung" bezeichnen wird.
In seiner Analyse des Ressentiments konstruiert er nun zwei Typen, den "Starken" und den "Schwachen". Wenn der "Starke" verletzt, angegriffen, beleidigt wird, reagiert er unmittelbar, sich seiner Stärke bewusst, und damit hat es sich sozusagen. Der Schwache kann nun nicht unmittelbar reagieren. Daraus entsteht das Ressentiment: es wird nicht unmittelbar auf eine Verletzung oder Beleidigung reagiert, sondern die Reaktion wird aufgeschoben, respektive macht sie sich in Ersatzhandlungen Luft.
Hierin liegt die Nähe zu späteren Einsichten Freuds. Es entsteht in dieser Verschiebung, was Nietzsche den "Geist der Rache" nennt. Er lehnt damit auch die Idee ab, dass sich "Gerechtigkeit" aus der Rache ableiten lässt. Für ihn geht Gerechtigkeit als positives Recht auf die Tauschverhältnisse zwischen den Menschen zurück, als Ausgleich eines angerichteten Schadens. Die herrschende Moral ist ihm zufolge vom Eindruck, den der Schädiger am Geschädigten hinterlässt, bestimmt, der zu direktem Ausgleich nicht fähig ist. Eine verzerrte Wahrnehmung wird zur Grundlage des Racheimpulses.
Gerechtigkeit in Nietzsches Sinn ist dagegen insofern objektiv, als sie in einer Aufhebung des Racheimpulses besteht, aber aus einer Position der Stärke heraus. Diese Analyse des Ressentiments wurde etwa von Max Scheler aufgenommen, der den Begriff der "Ressentimentkritik" eingeführt hat: Diesem Typus geht es weniger um die tatsächliche Änderung der kritisierten Zustände, sondern um die Kritik selbst. Scheler bringt das Beispiel gewisser politischer Parteien, die nur als Opposition funktionieren.
Service
Friedrich Nietzsche, "Die fröhliche Wissenschaft", Reclam 2024
Friedrich Nietzsche, "Also sprach Zarathustra", Reclam 2023
Friedrich Nietzsche, "Ecce homo", Anaconda 2025
Christian Tietz, "Nietzsche. Leben und Denken im Bann des Christentums", C. H. Beck 2025
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Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Kyrre Kvam
Gesamttitel: ALTES GELD
Titel: Altes Geld - Der Biber
Ausführende: Kyrre Kvam
Länge: 01:00 min
Label: ORF-Enterprise Musikverlag