Zwischenruf

Betroffenheit allein ist zu wenig

von Regina Polak, katholische Theologin und Präsidentin des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit

"Warum müssen wir uns immer noch an die Schoa und Auschwitz erinnern?" - Diese Frage stellen mir junge Menschen immer wieder, meistens verschämt und niemals öffentlich. Auch die Studie "Was glaubt Österreich?" zeigt diesen Vorbehalt gegenüber der Erinnerung an den Massenmord an Jüdinnen und Juden. 2024 gaben 40% der Befragten an, dagegen zu sein, dass man immer wieder die Tatsache aufwärmt, dass im Zweiten Weltkrieg Jüdinnen und Juden umgekommen sind.

Diese Beobachtungen erschrecken mich. Aber moralische Empörung hilft nicht: Über 80 Jahre sind seit der Befreiung von Auschwitz vergangen, die Gesellschaft hat sich verändert. Ich glaube, dass man auf diese Fragen und Vorbehalte mit guten Argumenten reagieren muss. Denn das Gedenken an die Befreiung von Auschwitz erinnert an ein in der Menschheitsgeschichte singuläres Verbrechen. Singulär nicht, weil das Morden und das Leiden von Jüdinnen und Juden einzigartig waren - Genozide gab und gibt es in der Geschichte im Übermaß zu betrauern. Zudem wurden in Auschwitz auch andere Personengruppen - unter anderem Polinnen, Russen, Roma und Sinti, Zeuginnen Jehovas, Arbeitslose, psychisch Kranke - getötet. Auch Homosexuelle und politisch Andersdenkende wurden zu Opfern. Aber die systematische Industrialisierung des Mordens von Jüdinnen und Juden, die damit verbundene Bürokratie, das Morden von Juden, weil sie Juden waren, das war erst- und bisher einmalig. Dazu kommt die Verstrickung der Mehrheit der Bevölkerung und aller gesellschaftlichen Bereiche in das Verbrechen als Täter, Opportunisten, Profitierende, Verwalterinnen und Zuseherinnen.

Wenn Judenfeindlichkeit, Rassismus und Hass heute das gesellschaftliche Klima vergiften, höre ich dies als Aufruf, das Gedenken an Auschwitz zu vertiefen. Betroffenheit allein ist zu wenig. Es gilt die Ursachen dieser Monstrosität zu verstehen, damit die Menschheit nicht wieder in einem Abgrund der Inhumanität versinkt. Denn Auschwitz ist nicht vorbei. Nicht in den Erinnerungen von jüdischen Familien, deren Vorfahren in den Gaskammern ermordet wurden oder die das Grauen überlebt haben - und die heute wieder mit Judenfeindlichkeit konfrontiert sind. Nicht in den Familien jener Täterinnen, Opportunisten und Mitläuferinnen, die sich nicht ausreichend gefragt haben, wie eine Gesellschaft zu diesem Verbrechen fähig war. Nicht in jenen politischen Diskursen, die Judenfeindlichkeit und Rassismus befeuern. Ich wünsche mir, dass wir diesen Gedenktag zum Anlass nehmen, die Erinnerung an Auschwitz in ihrer Aktualität besser zu verstehen.

Zivilgesellschaft, Kirchen und Religionsgemeinschaften, politische Player, Wissenschaft und das Bildungssystem sind hier gefragt. Aber das Thema ist auch ein privates: Wie sprechen Familien und Freundeskreise über Jüdinnen und Juden? Wie sieht meine persönliche, vielleicht unausgesprochene Einstellung aus? Wirken die Parolen von damals in mir nach oder habe ich mich selbstkritisch mit diesem kollektiven, kulturell tief verankerten Erbe auseinandergesetzt?

Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Daryl Neil Alexander Griffith
Titel: SOLO CELLO
* Beauty & Grace
Ausführender/Ausführende: nicht angegeben
Länge: 02:34 min
Label: 2nd Foundation Music 2FM073

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