Zwischenruf
Was im Nirgendwo alles möglich ist
von David Weiss, Kulturanthropologe und ehrenamtlicher Seelsorger der evangelisch-lutherischen Kirche
1. Februar 2026, 06:55
Die Utopie ist wörtlich übersetzt ein Nirgendwo. Dieses Nirgends beschreibt den Traum von einem Ort und Zustand, wo ich mir zu sein wünsche im Unterschied zu meiner Gegenwart. Die Utopie ist somit oft das totale Gegenteil meines aktuellen Erlebens. Sie beschreibt die Welt, wie sie für mich im Speziellen und die Gesellschaft im Allgemeinen im besten Fall sein sollte.
Es wundert also nicht, dass eine Frau im europäischen Spätmittelalter die erste ideale Gesellschaft nach der Antike entwarf: Christine de Pizan verfasste und veröffentlichte 1405: "Das Buch von der Stadt der Frauen". Zu jedermanns Verblüffung ein kommerzieller Erfolg wie alle ihre Werke.
Der Begriff Utopie, wie wir ihn heute kennen, entsteht 100 Jahre später, vor 510 Jahren, durch den Autor Thomas More und seine Verleger, die dankenswerterweise den Manuskripttitel änderten. 1516 erscheint Thomas Mores genrebildender und epochemachender Roman "Utopia" nach Platons klassischer Vorlage. Im fiktiven Reisebericht eines Weltumseglers beschreibt der fromme Jurist More eine demokratisch verfasste Inselzivilisation ohne Privatbesitz mit Planwirtschaft. Aus Gold werden auf Utopia nützliche Dinge wie Nachttöpfe hergestellt. Bis auf Atheismus ist jeder Glaube auf der künstlichen Insel erlaubt.
Thomas More war ein Mann für jede Jahreszeit: Er war Parlamentarier, Familienvater, Humanist und Theist. Als Lordkanzler von England war er für die Hinrichtung zahlreicher Protestantinnen und Protestanten verantwortlich, und nach seiner eigenen Enthauptung wird er zum katholischen Heiligen. Der Stein des Anstosses in seinem Werk ist die Demokratie. Für die Zeit, in der mit Heinrich VIII. die Autokratie auf dem englischen Thron sitzt, mutige Satire und ein Meilenstein auf dem Weg in die Moderne.
In Utopia nehmen die in monogamen heterosexuellen Ehen lebenden Frauen und Männer gleichermaßen an Bildung und Arbeitswelt teil. Die Haushaltsmitglieder wählen einen Familienvertreter, die wählen den Princeps der Insel auf Lebenszeit. Dass 1979, 444 Jahre nach Thomas Mores Tod, mit Margaret Thatcher einmal eine Frau gewählte Premierministerin und seine Amtsnachfolgerin werden würde, hätte More sich nicht zu träumen gewagt.
Heute haftet der Utopie insgesamt der Nimbus des Fantastischen und Unrealisierbaren an. Die Gegenargumente gehen zumeist in drei Richtungen: die technische Umsetzbarkeit - Mores Utopia war eine künstliche Insel, andere beziehen sich auf Gesellschaften im Weltraum oder unter Wasser. Alles schwierig zu realisieren. Viele wollten die in der Utopie umrissene Gesellschaftsordnung gar nicht, hier gebe es ein Demokratiedefizit. Hier solle nur verborgene Gesellschaftskritik geübt werden, die dargestellten Alternativen wäre also gar nicht ernst gemeint.
Für Christine de Pizan und Thomas More ging es um Leben und Tod. Ihr Werk gilt als Begründung der Science fiction und legte einen Grundstein für die Gegenwart: Die demokratische und tolerante Zivilisation, in der heute freie Menschen leben dürfen, und die es für die Zukunft zu bewahren gilt.
Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Edgar Meyer
Album: MUSIC FOR TWO - BELA FLECK & EDGAR MEYER
Titel: Canon - für Banjo und Kontrabaß (ZEIT OHNE APPLAUS)
Solist/Solistin: Bela Fleck /Banjo
Solist/Solistin: Edgar Meyer /Kontrabaß
Länge: 04:27 min
Label: Sony Classical SK 92106
