Stimmen hören
"Es immer neu und besser machen"
Nikolaus Harnoncourt in seinem Vokalmusik-Kernrepertoire
5. März 2026, 14:05
Bald nachdem der Concentus Musicus Wien und mit diesem sein Leiter Nikolaus Harnoncourt nicht mehr ausschließlich für eine eingeschworene Fangemeinde an Veranstaltungs-Nebenschauplätzen musizierte, sondern ins Plattenaufnehmen und in Folge in die großen Säle kam, zeichnete sich am Vokalmusik-Sektor ein Zentrum der gemeinsamen Aktivitäten ab: die Johann-Sebastian-Bach'schen Passionen und Kantaten, die Georg-Friedrich-Händel'schen Oratorien. Parallel weitete der vom tiefen Streichinstrument zum Dirigieren "aufgestiegene" Harnoncourt seine Concentus-unabhängigen Aktivitäten aus: der Monteverdi-Opern-Zyklus am Opernhaus Zürich und ein ebenfalls in Zürich erarbeiteter Mozart-"Idomeneo" wurden sogleich als Meilensteine historisch informierter, zugleich am Puls der Zeit musizierter Interpretation rezipiert.
Der "Marsch durch die Institutionen", den Nikolaus Harnoncourt als ein Mann des flammenden Wortes in eigener Sache in weiterer Folge antrat, brachte die "Wiener Klassiker" dauerhaft ins Spiel, Haydn und Mozart; Schubert und Schumann folgten. Alles "Darüberhinaus", von Giuseppe Verdi bis Franz Schmidt, blieb Ausnahmefall. "Konkurrenz" waren zunächst die nach überkommener Art musizierenden "Alten", dann die von Harnoncourt angetriebene, zumeist geradliniger als er agierende Originalklangbewegung, zuletzt offen auftretend kaum mehr jemand, so radikal hatte der Musiker die generellen Rezeptionserwartungen "umgedreht".
Nun konnte er sich es auch leisten, beim einen oder anderen Musikstück, ein jedes bei jeder Aufführung neu denkend, 180-Grad-Wendungen zu vollführen. Darin, außer dem Vorgefundenen auch sich selbst permanent in Frage zu stellen, war er eine singuläre Erscheinung. Zehn Jahre nach seinem Tod ist obendrein evident: Das Missionarische auch im katholisch-religiösen Sinn ist mit Nikolaus Harnoncourt aus der Musikwelt verschwunden.
Sendereihe
Gestaltung
- Chris Tina Tengel
