Frauen in Mexiko vor einem Grafitti

APA-IMAGES/AFP/GARCIA FRANYELI

Punkt eins

Only bad news is good news?

Das Geschäft mit der Aufmerksamkeit: Leid, Empörung und der Umgang mit schlechten Nachrichten. Gäste: Univ.-Prof. Dr. Jürgen Sandkühler, Neurophysiologe, ehem. Leiter Zentrum für Hirnforschung, Medizinische Universität Wien & Dr. Konstantin Schätz, PostDoc Abteilung Journalistik, Fachbereich Kommunikationswissenschaft, Universität Salzburg. Moderation: Barbara Zeithammer. Anrufe 0800 22 69 79 | punkteins(at)orf.at

Ein neuer Krieg, neue humanitäre Katastrophen, eine drohende Energiekrise - die Weltlage ist herausfordernd. Wenn etwas Schreckliches passiert, sind wir heute nahezu sofort darüber informiert. "Only bad news is good news", besagt eine Redaktionsweisheit, die Sensation, Drama, Skandal und Krise für berichtenswert erklärt, Motto: Mann beißt Hund. Und das ist es doch auch, was wir wissen, hören, sehen und lesen wollen. Oder etwa nicht?

Wir haben eine hohe Aufmerksamkeit für negative Informationen, verarbeiten sie schneller und reagieren deutlich stärker als auf neutrale oder gute Nachrichten, wie Studien zeigen. In einer Zeit, in der unsere Aufmerksamkeit stärker umkämpft ist, denn je, dienen "bad news" vor allem auch als erfolgreiches Geschäftsmodell. Wer auf Empörung setzt, verschafft sich Gehör und verdient daran.

Neu ist das Phänomen nicht und auch nicht auf den Boulevard beschränkt: Angst, Wut und Empörung sind seit jeher Spielarten von Medien und eine zentrale Aufgabe von Journalismus ist es auch, Missstände anzuprangern, über Krisen, Kriege und Katastrophen zu berichten. Doch die heutige "Empörungsbewirtschaftung" dreht unentwegt an der Spirale: Wut erzeugende oder wuterfüllte Sätze - Rage Bait, Wut-Köder genannt - haben sich als besonders effektiv erwiesen: sie erhöhen die Klickraten nachweislich. Ärgert sich der Mensch gerne? Oder kann er gar nicht anders, als empört zu sein?

Wut und Empörung als Instrumente, sich Gehör zu verschaffen und Menschen zu mobilisieren, machen sich längst auch Politikerinnen und Politiker zu Nutze. Doch bereits Aristoteles konstatierte, die Aufmerksamkeit des Menschen ist begrenzt. Wohin also steuert die Entwicklung? Und wieso fesseln diese Emotionen unsere Aufmerksamkeit offensichtlich wirkmächtiger als Freude?

Das Geschäft mit der Empörung und die weite Verbreitung negativer Information bleiben indes nicht ohne Folgen: Schlechte Stimmung, Angst, ein Gefühl der Erschöpfung: Das Mitgefühl für das Leben und Leiden der anderen sinkt in einer "Negativspirale" ebenso wie das Selbstwirksamkeitsgefühl. Nachrichtenmüdigkeit (News Fatigue) und Nachrichtenvermeidung (News Avoidance) sind Begriffe, die einen Trend beschreiben, der mit der Flut an - immer öfter auch falschen - Informationen einhergeht. Wie aus dem "Reuters Institute Digital News Report 2025" hervorgeht, reduzieren etwa 2/3 der Befragten zumindest gelegentlich bewusst ihren Nachrichtenkonsum.

Wie funktioniert unsere Aufmerksamkeit? Welche Folgen kann die Flut an (negativen) Informationen haben? Stumpfen wir ab? Was passiert im Gehirn, wenn wir von dem Leid und den Schmerzen anderer erfahren? Univ.-Prof. Dr. Jürgen Sandkühler ist Neurophysiologe und ehemaliger Leiter des Zentrums für Hirnforschung an der Medizinischen Universität Wien.

Wie journalistische Medien in Krisen konstruktiv handeln können, was sie beitragen können, um Ängste und Verunsicherungen aktiv entgegenzuwirken und wie über Kriege, Krisen und Katastrophen sensitiv berichtet werden kann, damit beschäftigt sich Dr. Konstantin Schätz, Post Doc in der Abteilung Journalistik an der Universität Salzburg.

Jürgen Sandkühler und Konstantin Schätz sind Gäste bei Barbara Zeithammer und Sie, unsere Hörerinnen und Hörer, wie immer herzlich eingeladen, sich mit Ihren Kommentaren und Fragen zum Thema zu melden:

Wie halten Sie es mit den Nachrichten, den negativen Schlagzeilen, den Click und Rage Baits? Welche Überschrift gewinnt Ihre Aufmerksamkeit, wie erleben Sie "bad news" und welche Wahrnehmungsfilter sind Ihnen bewusst? Was sind für Sie gute, was schlechte Nachrichten? Empören Sie sich gerne oder schauen Sie lieber Katzenvideos? Wie entziehen sich dem permanenten Erregungsangebot - und bleiben Sie dennoch aufmerksam?

Rufen Sie an unter 0800 22 69 79 (kostenfrei innerhalb von Österreich) oder schreiben Sie uns per E-Mail an punkteins(at)orf.at

Sendereihe

Gestaltung

  • Barbara Zeithammer