ORF/URSULA HUMMEL-BERGER
Gedanken für den Tag
Mary Shelley: Fantasie und Wissenschaft
von Brigitte Schwens-Harrant, Autorin und Feuilleton-Chefin der "Furche"
17. März 2026, 06:57
Ihre Eltern, schreibt Mary Shelley 1831, waren "Personen von beträchtlichem literarischem Ansehen". Kein Wunder, dass sie selbst auch früh ans Schreiben dachte.
Als Kind lebte sie viel in Schottland, in einer kahlen, tristen Gegend, die sie mit ihrer Fantasie bevölkerte. Sie liebte es, wie sie schreibt, "Luftschlösser zu bauen, in Wachträume einzutauchen und Gedankenketten zu folgen, in denen sich erfundene Geschehnisse zu einem Handlungsablauf verknüpften." Das klingt nach viel Fantasie. Dabei liegt schon ihrem Debüt, dem Schauerroman "Frankenstein", die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen und philosophischen Fragen zugrunde. Mit Familie und Freunden besprach sie aktuelle Lehrmeinungen und Experimente und die Frage, ob der Mensch je selbst Leben erschaffen könne. Wäre das eine entsetzliche Vermessenheit?
Shelley wagt das Experiment, in ihrer Literatur. Ihre Figur Frankenstein erschafft ein Lebewesen, größer als der Mensch, und, woran der Wissenschaftler vorher nicht dachte: eigenständig und, ja, liebeshungrig, bedürftig nach Zuneigung, die das Monster aber aufgrund seines fürchterlichen Aussehens nicht erhält. Da ihm der Wissenschaftler seinen großen Wunsch nicht erfüllt, ihm nun auch eine Partnerin zur Seite zu stellen, rächt sich das Monster fürchterlich. Es mordet Frankensteins liebste Menschen: den kleinen Bruder, den besten Freund, schließlich noch die Frau.
Der Stoff eignet sich für Thriller, wie sie auch heute noch zahlreich geschrieben und verfilmt werden. Mary Shelley wusste die Spannung gut zu bedienen. Großartig, wie sie den blinden Fanatismus des Wissenschaftlers beschreibt und später die Gefühlswallungen und das schlechte Gewissen. Es baut eine Mauer zu anderen Menschen, es wirft in tiefe Finsternis.
Service
Mary Shelley, "Frankenstein oder der moderne Prometheus. Die Urfassung von 1818", aus dem Englischen übersetzt und in neuer Überarbeitung herausgegeben von Alexander Pechmann, Manesse 2017
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Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Frédéric Chopin
Album: Chopin intime
Titel: Nocturne für Klavier b-Moll, op. 9 Nr. 1
Gesamttitel: 3 Nocturnes für Klavier, op. 9 / Auswahl
Anderssprachiger Titel: Larghetto
Solist/Solistin: Justin Taylor
Länge: 05:19 min
Label: ALPHA ALPHA1132
EAN: 3701624511329
