SAMMLUNG RE.F.U.G.I.U.S/W. REISS
Punkt eins
Rechnitz: Suche nach der Sprache und dem Massengrab
Rechnitz: Suche nach der Sprache und dem Massengrab. Gäste: Dr. Christine Teuschler, Gründungsmitglied und Walter Reiss, Vorstandsmitglied der Gedenkinitiative RE.F.U.G.I.US. Moderation: Barbara Zeithammer. Anrufe 0800 22 69 79 | punkteins(at)orf.at
18. März 2026, 13:00
"Die New York Times war schon da, CNN auch, das kleine Dorf im Süden des Burgenlands ist weltberühmt - doch niemand kommt wegen des trockenen Rieslings, der hier gekeltert wird, alle kommen wegen des Massengrabs, von dem keiner weiß, wo es ist", schrieb 2016 Sacha Batthyány in seinem Buch "Und was hat das mit mir zu tun? Ein Verbrechen im März 1945".
Das Massaker an etwa 180 ungarischen Jüdinnen und Juden in der Nacht von 24. auf 25. März 1945 im Zuge eines NS-"Kameradschaftsfestes" in dem Rechnitzer Schloss Batthyány harrt bis heute der restlosen Aufklärung. Bis heute, zuletzt im Oktober 2025, wird immer wieder mit modernsten Methoden nach dem Massengrab gesucht - bisher ohne Erfolg.
Unmittelbar nach Kriegsende wurde das Grab zwei Mal geöffnet, danach waren weder das Grab noch das Massaker Thema im Ort. In der Nachkriegszeit wurden mehrere Gerichtsverfahren eröffnet. Vor Prozessbeginn im März 1946 wurde der erste Hauptzeuge erschossen, der Zweite kam wenig später zu Tode, nachdem er im Auto fahrend beschossen wurde. "Die ehemaligen Nazis, die sind ja in Rechnitz weiter geblieben. Wenn du gegen die was gesagt hättest, wärst sicher auch verschwunden", sagt eine Zeitzeugin in dem Oral-History Projekt "Erinnerungen an das Massaker von Rechnitz" des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung. 1966 begannen erstmals umfangreiche Grabungsarbeiten auf der Suche nach den Überresten der Opfer. Der Grabungsleiter wurde anonym mit dem Tode bedroht.
Von dem Massaker und der einst großen jüdischen Gemeinde in ihrem Heimatort Rechnitz erfuhr Christine Teuschler erst aus burgenländischen Regionalmedien, als sie bereits in Wien Politikwissenschaft studierte. 1991 war sie Gründungsmitglied der Initiative RE.F.U.G.I.US. (Rechnitzer Flüchtlings- Und Gedenk Initiative Und Stiftung). Der Verein bemüht sich seit heuer 35 Jahren um ein würdiges Gedenken der Opfer. Ein Gedenkstein wurde aufgestellt, die Ruine des so genannten Kreuzstadls zum Mahnmal für alle Opfer des Südostwallbaus erklärt, eine jährliche Veranstaltung ins Leben gerufen. Am kommenden Samstag wird auf einer Tagung über "Jugend & Politik in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung" im Offenen Haus Oberwart diskutiert, am Sonntag findet in Rechnitz das traditionelle Gedenken statt.
Die Gedenkstätte Kreuzstadl dient als Lernort, Erinnerungsort und Begegnungsort: "Nur das Erinnerte, nicht das Vergessene, lässt uns lernen. Wir alle gestalten Geschichte, die Geschichte formt uns. Suchen wir Antwort auf Geschehenes, tragen wir Verantwortung für die Zukunft."
Suchen auch Sie Antwort auf die Schicksale Ihrer Familienmitglieder, auf Geschehenes in Ihrer Familie, in Ihrem Heimatort und wie gehen Sie damit um?
Das Dorf muss doch Bescheid gewusst haben? Das Massaker, vor allem aber das Schweigen von Rechnitz wurde seit den 1990er Jahren durch Bücher, den Dokumentarfilm "Totschweigen", der am Freitag auf der Diagonale in Graz gezeigt wird, das Theaterstück von Elfriede Jelinek und zahlreiche Medienberichte einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Das Thema Rechnitz hat aber viele Aspekte, sagt Walter Reiss von der Gedenkinitiative RE.F.U.G.I.US., und man darf es sich nicht zu leicht machen.
Wie war das damals und was macht die Suche nach dem Massengrab so kompliziert? Worum geht es dem Verein RE.F.U.G.I.US. im 35. Jubiläumsjahr seiner Gründung? Mit welchen Herausforderungen sieht sich die Gedenkinitiative konfrontiert und wie sprechen die Menschen in Rechnitz heute über das Massaker? Was weiß man über die Verbrechen entlang des Südostwalls und wer ist zuständig, wenn menschliche Überreste gefunden werden?
Dr. Christine Teuschler, 32 Jahre lang Geschäftsführerin der Burgenländischen Volkshochschulen, engagiert sich ehrenamtlich in mehreren Institutionen für Bildung, Aufarbeitung der Geschichte und Gedenk- sowie Friedensarbeit. Der pensionierter ORF-Redakteur und -Regisseur Walter Reiss hat selbst über Jahre mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gesprochen, ist Ansprechpartner für Medien bei RE.F.U.G.I.UaS. und moderiert diverse Veranstaltungen im Zuge der Gedenkinitiative.
Christine Teuschler und Walter Reiss sind Gäste bei Barbara Zeithammer und unsere Hörerinnen und Hörer wie immer sehr herzlich eingeladen, mitzureden: Rufen Sie uns an unter 0800 22 69 79 oder schreiben Sie uns an punkteins(at)orf.at
Service
Gedenkinitiative RE.F.U.G.I.U.S.
Raingasse 9b
7400 Oberwart
Österreich
info(at)refugius.at
Tagung und Gedenken 2026
Samstag, 21. März 2026
11:00 - 15:00 Uhr
Tagung: Jugend & Politik in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung
OHO Offenes Haus Oberwart
Lisztgasse 12, 7400 Oberwart
Sonntag, 22. März 2026
Den Auftakt bildet um 13 Uhr eine Kranzniederlegung beim Mahnmal für die Opfer des Massakers in der Steinamangerstraße.
Um 14 Uhr folgt die zentrale Gedenkfeier beim Mahnmal Kreuzstadl Rechnitz.
Diagonale. Festival des österreichischen Films
18. - 23. März 2026, Graz
"Totschweigen"
Freitag, 20.03. 14:45 Uhr (ausverkauft!)
Dokumentarfilm, AT/DE/NL 1994, DCP, 89 min, dOF
Film von Margareta Heinrich und Eduard Erne
Erstausstrahlung im ORF (Kunststücke), 21. März 1995, 88:00 Minuten
Wir werden uns der Aufgabe nicht entziehen ... 30 Jahre RE.F.U.G.I.U.S. Rechnitzer Flüchtlings- und Gedenkinitiative. edition lex liszt 12
Eva Schwarzmayer: Rechnitz. Das Massaker beim Schlachthaus im März 1945. edition lex liszt 12, 2023
Sacha Batthyany: Und was hat das mit mir zu tun? Ein Verbrechen im März 1945. Die Geschichte meiner Familie. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016
Pia Janke, Teresa Kovacs, Christian Schenkermayr (Hrsg.): "Die endlose Unschuldigkeit". Elfriede Jelineks "Rechnitz (Der Würgeengel)". Wien: Praesens Verlag 2010
Walter Manoschek (Hrsg): Der Fall Rechnitz: Das Massaker an Juden im März 1945. Braumüller 2009
Elfriede Jelinek: Rechnitz (Der Würgeengel), Uraufführung Münchner Kammerspiele 2008
Sendereihe
Gestaltung
- Barbara Zeithammer
Playlist
Komponist/Komponistin: Johannes Brahms
Titel: Sonata For Clarinet And Piano No. 1 in F Minor, Op. 120 No. 1: 3. Allegretto Grazioso
(davon 14 Sek. unterlegt)
Ausführende: Veronika Hagen & Paul Gulda
Länge: 04:52 min
Label: Deutsche Grammophon
Komponist/Komponistin: Franz Schubert
Titel: Arpeggione Sonata in A Minor, D. 821: II. Adagio (davon 26 Sek. unterlegt)
Ausführende: Lorenz Duftschmid & Paul Gulda
Länge: 04:08 min
Label: Naxos
Komponist/Komponistin: Karol Szymanowski
Titel: Caprice No. 20 (davon 33 Sek. unterlegt)
Ausführende: Joanna Madroszkiewicz & Paul Gulda
Länge: 03:33 min
Label: MDG
