Radiokolleg
Die Sudetendeutschen. Offene Wunden (1)
Odsun. Die Vertreibung.
30. März 2026, 09:05
Vor 80 Jahre atmeten Viele auf: Der Zweite Weltkrieg war vorbei. Wenige Kilometer hinter der Grenze zur Tschechoslowakei begann indes ein grauenhafter Exodus.
143 Verordnungen, die als "Benes-Dekrete" bekannt wurden, erklärten als Vergeltung für den NS-Terror die deutsche Bevölkerungsgruppe pauschal zu Staatsfeinden. Sie verlor alle Rechte, wurde vertrieben und enteignet.
Inzwischen sind die Wunden überwiegend verheilt - aber nicht vollständig. Wurde die Geschichte ohne Tabus aufgearbeitet?
Dezember 1945 bis Dezember 1946: Rund 3 Millionen Einwohner:innen deutscher Nationalität wurden gezwungen, ihre Heimat im damaligen Böhmen, Mähren und auch der Slowakei, zu verlassen. Manche gingen gleich, andere wurden mit Gewalt vertrieben.
Im Gedächtnis geblieben ist der grausame "Brünner Todesmarsch", eine Menschenkolonne von Vertriebenen mit ihren wenigen Habseligkeiten in Richtung Niederösterreich. Auf dem Weg starben rund 27.000 Menschen, vor allem Frauen, Kinder und alte Männer, in Folge von Erschöpfung - rund die Hälfte der deutschen Bevölkerung von Brünn. Auch an anderen Orten kam es zu Pogromen.
Mit den sogenannten Benes-Dekreten legitimierte die damalige Tschechoslowakei die Vertreibung der Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg - eine Folge der vorhergegangenen brutalen NS-Herrschaft in dem Land. So wie die Deutschen kein Mitleid mit den Tschechoslowak:innen gezeigt hatten, hatte nach dem Krieg auch die andere Seite kein Interesse am Leid der Vertriebenen. Ausgleichende Kräfte wurden als Verräter oder Kollaborateure gesehen, Feindbilder auf beiden Seiten für politische Zwecke benutzt.
Obwohl die Bundesrepublik Deutschland Millionen D-Mark an Unterstützung für Vertriebene und Umsiedler zahlte, fanden die Vertriebenen - darunter viele Altösterreicher:innen der ehemaligen Habsburger-Monarchie - wenig herzliche Aufnahme in Österreich.
