Odsun, Vertreibung der Deutschen aus Tschechien, 1946

APA-IMAGES/CTK/

Radiokolleg

Die Sudetendeutschen. Offene Wunden (1)

Odsun. Die Vertreibung.

Vor 80 Jahren atmeten Viele auf: Der Zweite Weltkrieg war vorbei. Wenige Kilometer hinter der Grenze zur Tschechoslowakei begann indes ein grauenhafter Exodus. 143 Verordnungen, die als "Benes-Dekrete" bekannt wurden, erklärten als Vergeltung für den NS-Terror die deutsche Bevölkerungsgruppe pauschal zu Staatsfeinden. Sie verlor alle Rechte, wurde vertrieben und enteignet. Inzwischen sind die Wunden überwiegend verheilt - aber nicht vollständig. Wurde die Geschichte ohne Tabus aufgearbeitet? Dezember 1945 bis Dezember 1946: Rund 3 Millionen Einwohner:innen deutscher Nationalität wurden gezwungen, ihre Heimat im damaligen Böhmen, Mähren und auch der Slowakei, zu verlassen. Manche gingen gleich, andere wurden mit Gewalt vertrieben.

Im Gedächtnis geblieben ist der grausame "Brünner Todesmarsch", eine Menschenkolonne von Vertriebenen mit ihren wenigen Habseligkeiten in Richtung Niederösterreich. Auf dem Weg starben rund 2700 Menschen, vor allem Frauen, Kinder und alte Männer, in Folge von Erschöpfung - rund die Hälfte der deutschen Bevölkerung von Brünn. Auch an anderen Orten kam es zu Pogromen.

Mit den sogenannten Benes-Dekreten legitimierte die damalige Tschechoslowakei die Vertreibung der Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg - eine Folge der vorhergegangenen brutalen NS-Herrschaft in dem Land. So wie die Deutschen kein Mitleid mit den Tschechoslowak:innen gezeigt hatten, hatte nach dem Krieg auch die andere Seite kein Interesse am Leid der Vertriebenen. Ausgleichende Kräfte wurden als Verräter oder Kollaborateure gesehen, Feindbilder auf beiden Seiten für politische Zwecke benutzt. Obwohl die Bundesrepublik Deutschland Millionen D-Mark an Unterstützung für Vertriebene und Umsiedler zahlte, fanden die Vertriebenen - darunter viele Altösterreicher:innen der ehemaligen Habsburger-Monarchie - wenig herzliche Aufnahme in Österreich.

Service

Radiokolleg-Podcast

Barbara Coudenhove-Kalergi und Oliver Rathkolb (Hrsg.): Die Beneš-Dekrete. Czernin Verlag 2002.

Jutta Faehndrich: Eine endliche Geschichte. Die Heimatbücher der deutschen Vertriebenen Böhlau 2011

Jiri Padevet, Blutiger Sommer 1945. Nachkriegsgewalt in den böhmischen Landern, Verlag Tschirner & Kosová, Leipzig 2020.

Niklas Perzi, Hildegard Schmoller, Ota Konrád und Václav Šmidrkal (Hg.): Nachbarn. Ein österreichisch-tschechisches Geschichtsbuch. Bibliothek der Provinz 2019 (vergriffen)

Georg Traska (Hg.) Geteilte Erinnerungen. Tschechoslowakei, Nationalsozialismus und die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung 1937-1948, Mandelbaum Verlag 2017

Katerina Tucková: "Gerta. Das deutsche Mädchen." KLAK Verlag, 2018

Österreichische Mediathek

Das Ö1 Oral History Projekt Gemeinsam Erinnern bietet die Möglichkeit, Erinnerungen oder Erzählungen an die Zeit zwischen 1945 und 1955 hochzuladen.

Sendereihe

Gestaltung