Zwischenruf
Von einem, der verstehen möchte
12. April 2026, 06:55
Täglich passiert es, dass sich eine Nachricht rasend schnell über die sozialen Medien verbreitet. Ein spektakuläres Video, ein erschütterndes Bild, eine Behauptung, die sofort Empörung oder Hoffnung auslöst. Tausende teilen es. Hunderttausende kommentieren es.
Und dann zweifelt eine an dem Hype und fragt: "Moment mal. Stimmt das überhaupt?"
Sie recherchiert. Prüft die Quelle. Sucht nach dem Original. Vergleicht die Daten. Vielleicht stellt sich heraus: das Bild ist alt. Der Zusammenhang ist ein anderer. Die Geschichte ist verkürzt oder sogar falsch. Alles ist erfunden!
In einer Zeit von Fake News, KI-generierten Bildern und algorithmisch gesteuerten Wahrheiten ist Zweifel keine Charakterschwäche. Zweifel ist eine Überlebensstrategie. Wer heute alles ungeprüft glaubt, ist leicht manipulierbar. Gleichzeitig merken wir: Wenn wir nur noch misstrauen, wenn wir allem und jedem mit Skepsis begegnen, dann verlieren wir Vertrauen. Und ohne Vertrauen kann kein Mensch leben. Wir bewegen uns ständig zwischen blindem Glauben und lähmendem Zweifel.
Genau in dieser Spannung steht eine der ehrlichsten Figuren der Bibel: Thomas, der Zweifler. Er hat die Auferstehung Jesu nicht einfach geglaubt, sondern wollte ihn selbst treffen, seine Wundmale mit eigenen Augen sehen und sogar berühren. Die biblische Geschichte von Thomas, dem Zweifler, ist für uns erzählt - für die Generationen nach Jesus, die keine Augenzeugen des Gekreuzigten und Auferstandenen mehr kennenlernen konnten.
Ich finde, die heute lebenden Menschen sind Geschwister von Thomas, dem Zweifler:
wie er ohne Zugang mehr zu Beweisen aus erster Hand. Es gibt: Berichte, Texte, Überlieferungen. Und immer noch dieselbe Sehnsucht, die er hatte: die Sehnsucht nach Gewissheit.
Die Begegnung des Thomas mit dem Auferstandenen hat unzählige Künstler inspiriert. Besonders eindrücklich ist das Gemälde von Caravaggio. In seinem Bild "Der ungläubige Thomas" stehen abgearbeitete, wettergegerbte Männer um Christus. Einer von ihnen - Thomas - beugt sich nach vorne und legt seinen Finger in die Seitenwunde Jesu. Nicht ehrfürchtig entrückt. Nicht mystisch verklärt. Sondern prüfend. Fast wie ein Arzt. Er schaut genau hin.
In unserer Sprache ist diese Geste zur Redewendung geworden: den Finger in die Wunde legen. Wer das tut, stört. Wer so fragt, irritiert Gewissheiten. Wer zweifelt, bringt Sicherheiten ins Wanken.
Thomas könnte der Schutzpatron aller kritischen Geister sein, die so wichtig sind. Heute vielleicht der Schutzpatron der Journalistinnen und der Forschenden. Menschen, die nicht alles unhinterfragt übernehmen und verbreiten, sondern die Quellen prüfen und erforschen. Thomas der Zweifler glaubt nicht nur vom Hörensagen. Er teilt nicht ungeprüft, was er gehört hat, er will sehen. Er will begreifen. Er will verstehen.
Es ist bemerkenswert, dass die Bibel diesen Zweifel nicht verschweigt. Sie stellt ihn ins Zentrum der Auferstehungsgeschichte. Sie macht aus dem Zweifler keine Randfigur, sondern eine Schlüsselgestalt des Glaubens. - Eigentlich sehr modern
Sendereihe
Playlist
Komponist/Komponistin: Johann Sebastian Bach
Komponist/Komponistin: Andrei Pushkarev
Gesamttitel: BACH VIBRATIONS - ANDREI PUSHKAREV
Titel: Invention Nr.11 in g-moll BWV 782 für Klavier / Jazz Improvisation für Vibraphon inspiriert von Chick Corea
Anderer Gesamttitel: Improvisationen über die 15 zweistimmigen Inventionen BWV 772 - 786
Solist/Solistin: Andrei Pushkarev /Vibraphon
Ausführender/Ausführende: Andrei PUSHKAREV/geb.1974 Kiew, Ukraine
Länge: 04:32 min
Label: Gramola 98794
