Zwischenruf
Zwischen Idyll und harter Realität
von Roswitha Zink, Biologin und Psychotherapeutin
19. April 2026, 06:55
Bei uns ist es tatsächlich so wie im Film, wie in Bullerbü vielleicht oder bei Pippi Langstrumpf: Pferde kommen ins Zimmer und schnuppern sanft an dem Kind, das dort in einem Krankenbett liegt. Bei uns ist es grün. Schafe blöken und mit Unterstützung gefinkelter Hilfsmittel können Katzen sogar sprechen. All das ist Wirklichkeit. Und doch auch Utopie.
Eine Utopie ist der Entwurf einer idealen fiktiven Gesellschaftsordnung, die als Gegenentwurf zur Gegenwart dient und meist als nicht realisierbar gilt. Der Begriff (griech. für "Nicht-Ort") beschreibt eine erstrebenswerte Welt ohne Kriege und Mängel. Utopien dienen als Inspirationsquelle für sozialen Wandel, oft in Literatur und Philosophie.
Die kleine Welt in der großen, das ist der Sternenstaub, der das Kinderhospiz Lichtblickhof zusammenhält. Ein "Nicht-Ort", das passt gut. Keiner will, dass Kinder sterben müssen, also sind Hospize vielleicht "Nicht-Orte". Gegründet ohne jede Sicherheit von vier Frauen, damals um die 20 Jahre alt, 2001, heute eine anerkannte Einrichtung, die jedes Jahr 300 - 500 Kindern ambulant hochqualifizierte Therapie ermöglicht und drei Wohnungen in Wien und doch mitten am Bauernhof, 360 Tage im Jahr, für Familien in der Abschiedsphase als "Heimat auf Zeit".
Gestartet hat diese Idee vom Kinderhospiz mit Tieren - belächelt von vielen: "Vier so junge Frauen, kein Geld, wie soll das gehen?" - mit der Utopie, eine schöne Welt für Kinder zu gestalten, die übergroße Aufgaben bewältigen müssen und wenig Zeit auf dieser Welt verbringen dürfen. Bauernhof, Tiere, Nähe zur Natur, zu all dem, mit dem wir unabhängig von Kultur spürbar "eins" sind. Heilsames in diesem Naturbezug finden, weil es irgendwie in all unseren Adern fließt, die Urszene Mensch, Tier, Garten, Boden, Wiese und Wald, Mitgeschöpflichkeit.
Das schöne Gefühl, dass mit viel Arbeit an sich selbst, Fleiß und Disziplin eine Balance entstehen kann, wo wir Menschen mit der Natur und uns im Einklang sind. Heute haben sich um die vier Gründungsfrauen drei weitere gesellt, und viele Frauen und Männer ehrenamtlich und hauptberuflich, die mit ihrem Idealismus unverzichtbar sind. Viele Außenstehende fragen: "Wie kann man 25 Jahre gemeinsam so ein Projekt aufbauen und sich nicht zerstreiten? Ist das nicht eine Utopie?" Es ist mehr ein Wunder und davon brauchen wir hier im Kinderhospiz ohnehin viele. Es ist dem Geheimnis geschuldet, das jede/r hier in sich trägt: etwas Größeres über sich selbst zu stellen.
Diese Weisheit spricht das Christentum aus - ebenso wie viele andere Religionen. Diese Weisheit trägt uns - ebenso wie die tiefe Dankbarkeit, diese kostbare Lebenszeit gemeinsam (eben mit denen, die einen mit Licht und Schatten kennen) gestalten zu dürfen, mit geliebten Tieren und Pflanzen auf diesem kleinen blauen Planeten.
So romantisch, wie das vielleicht klingt, ist es natürlich nicht. Es gibt Rechnungen zu bezahlen, es muss mit der Bürokratie zurechtgekommen werden, müde Beine flott gehalten werden
immer, wenn man denkt, dass es gar nicht mehr weitergeht, ist da ein junger oder ein alter, ein kleiner oder großer Mensch, der an Wunder glaubt, und uns erinnert an das Motto: "Niemals aufgeben: Weil immer was geht!"
Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Arvo Pärt
Album: Arvo Pärt: The Collection / Sämtliche Werke (CD Box)
Titel: Variationen zur Genesung von Arinuschka - für Klavier
Solist/Solistin: Benjamin Hudson /Violine
Solist/Solistin: Jürgen Kruse /Klavier
Länge: 05:36 min
Label: Brilliant Classics 96389 (9 CD)
