Zwischenruf

Zusammenstehen

von Martin Schenk, stellvertretender Direktor der Diakonie

Ein Szenario: Viele Leute stehen in einem großen Raum. Zunächst sind sie in Gruppen eingeteilt - sichtbar getrennt voneinander. Die Einteilungen folgen äußeren Zuschreibungen: Die eine Gruppe sind Handwerker in Montur, die anderen Reinigungspersonal, die einen Sozialhilfebezieherinnen, die anderen im Handel tätig, die einen arbeitslos, die anderen Paketzusteller, die einen ÖBB-Personal, die anderen mit Gesundheitsproblemen bzw. Behinderung, die einen allein mit Kindern, die anderen zusammen im Gesangsverein, die einen mit weißer Hautfarbe, die anderen mit einer "dunkleren".

Jede Gruppe bildet eine Linie. Man sieht: die einen stehen hier, die anderen dort. Jede Gruppe hat einen bestimmten abgegrenzten Platz. Noch bevor jemand spricht, entstehen Bilder im Kopf. Dann beginnt eine Stimme Fragen zu stellen. Nicht an einzelne Personen, sondern an alle. Wer sich angesprochen fühlt, soll einen Schritt nach vorne machen. Die Fragen sind zunächst fast beiläufig: Wer ist hier zur Schule gegangen? Wer arbeitet mit den Händen? Wer lebt allein? Und weiter: Wer hat sich schon einmal einsam gefühlt? Wer hat Angst, nicht gut genug zu sein? Wer hat jemanden verloren, den er geliebt hat? Wer ist schon einmal gemobbt worden? Und Nachfrage: Wer hat selbst mal andere gemobbt? Wer fühlt sich übersehen? Wer ist bis über beide Ohren verliebt? Wer hat gerade Liebeskummer? Wer ist gern in Österreich?

Mit jeder Frage lösen sich die ursprünglichen Gruppen auf. Menschen aus verschiedenen Reihen treten gleichzeitig nach vorne. Sie stellen sich in die Mitte des Raumes, unabhängig davon, aus welcher Gruppe sie kommen. Plötzlich stehen sie nebeneinander - ganz neu gruppiert. Mit jeder Antwort tritt jemand aus der Reihe. Ein Schritt nach vorn, klein und unspektakulär. Wer den Platz verlässt, der ihm so selbstverständlich zugewiesen wurde, unterbricht die Logik der scheinbar natürlichen und unabwendbaren Einteilung.

Am Ende stehen Menschen zusammen, die zu Beginn strikt getrennt waren. Sie stehen zusammen - nicht, weil sie gleich gemacht wurden, sondern weil sichtbar wurde, wo sich ihre Lebenslinien wirklich kreuzen. Manche schauen sich überrascht an, manche lächeln, manche wirken erschrocken über das, was sie gerade preisgegeben haben. Bemerkenswert ist ja nicht, dass Menschen Gemeinsamkeiten haben. Bemerkenswert ist, wie sehr sie überrascht sind, wenn sie sichtbar werden. Uns verbindet mehr als uns trennt. Man muss nur die richtigen Fragen stellen.

"Sich als etwas Besseres zu fühlen" und soziale Hackordnungen leben davon, dass Unterschiede als Naturzustände dargestellt werden. Dass Herkunft als Charakter gilt, Armut als Schuld, Privileg als Leistung. Bei diesem Experiment wird sichtbar, dass die Trennlinien, an denen Spaltungen so gerne ansetzen, keine natürlichen Grenzen sind - sondern Entscheidungen. Und vielleicht ist das die eigentliche Zumutung dieses Experiments: Dass es zeigt, wie leicht eine andere Ordnung vorstellbar wäre. Und wie bewusst wir uns dagegen entscheiden, sie zu leben.

Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: John Cage
Gesamttitel: Sonaten und Interludien für präpariertes Klavier
Titel: Sonata Nr.16 für präpariertes Klavier
Solist/Solistin: Yuji Takahashi /präpariertes Klavier
Länge: 05:00 min
Label: Denon 7673

weiteren Inhalt einblenden