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Punkt eins
ESC: Herzschmerz, Leidenschaft und Politik
ESC: Herzschmerz, Leidenschaft und Politik. Gäste: Florian Wagner, Zeithistoriker, Kurator der Ausstellung "Protest, Skandale, Politik. 70 Jahre Eurovision Song Contest" im Haus der Geschichte Österreich (HDGÖ) & Dr. Irving Wolther, Sprach- und Kulturwissenschaftler, Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Moderation: Alexander Musik. Anrufe 0800 22 69 79 | punkteins(at)orf.at
11. Mai 2026, 13:00
"Schon immer hatte der größte Musikwettbewerb der Welt eine - mehr oder weniger offensichtliche - politische Dimension", schreibt der Sprach- und Kulturwissenschaftler Irving Wolther in einem Beitrag für das Portal eurovision.de. Wolther, scherzhaft auch Dr. Eurovision genannt, weil er über den Eurovision Song Contest (ESC) promoviert hat, führt Beispiele an: "Griechenland nutzte 1976 seine Teilnahme, um in einem höchst dramatischen Beitrag den Einmarsch türkischer Truppen nach Nordzypern anzuprangern. Norwegen besang 1980 den friedlichen Protest der samischen Bevölkerung gegen eine geplante Wasserkraftanlage auf ihrem Gebiet und für mehr Autonomie."
Auch Österreich versuchte sich in mildem Protest und trat 1977 mit einem musikalischen Seitenhieb auf die seinerzeit allmächtige Musikindustrie an, wie die Web-Ausstellung "Protest, Skandale, Politik. 70 Jahre Eurovision Song Contest" im Haus der Geschichte Österreich (HDGÖ) dokumentiert: Die Band "Schmetterlinge" reimte in "Boom Boom Boomerang": "Music is love for you and me / music is money for the record company" - das ESC-Komitee hatte keine Einwände gegen die Zeilen.
Und die Ukrainerin Jamala errang 2016 - zwei Jahre nach Besetzung der Krim durch Russland - mit ihrem Song "1944" den ESC-Sieg. Es ging darin - bei entsprechender Auslegung des Songtextes - um die Deportation der Krim-Tataren unter Stalin im Jahre 1944. Das ESC-Komitee bescheinigte dem Beitrag, keine ESC-Regeln gebrochen zu haben.
Allzu groß und naheliegend ist eben die Versuchung der Teilnehmer-Länder in der offiziell "unpolitischen Veranstaltung" ESC ein politisches Statement zu setzen - schließlich verfolgen - laut eurovision.de - jedes Jahr über 160 Millionen Menschen das Finale des ESC im Fernsehen. Eine Versuchung, die noch dadurch befördert wird, dass beim ESC ganz offiziell Länder gegeneinander antreten und sich gegenseitig bewerten sollen - eine geradezu ideale Ausgangslage, um wilde Hypothesen zu befeuern, welches Land wem und warum "12 Punkte" zuschanzt und welches andere leer ausgehen lässt.
Vor diesem Hintergrund muss die Frage erlaubt sein, ob das heurige ESC-Motto "united by music" überhaupt noch relevant ist, wenn fünf Länder - Spanien, die Niederlande, Irland, Slowenien und Island - den Wettbewerb boykottieren, weil Israel an ihm teilnimmt.
Israel stand schon immer unterer besonderer Beobachtung, auch beim ESC. 1973 stand die Sängerin Ilanit auf der Bühne unter persönlichem Polizeischutz; sieben Monate zuvor hatten palästinensische Terroristen bei den Olympischen Spielen in München elf israelische Sportler getötet. "Den ESC-Zuschauern vor Ort war es verboten, von ihren Sitzen aufzustehen. Scharfschützengefahr", erinnert das RedaktionsNetzwerk Deutschland.
2026 steht der Interpret des israelischen Beitrags, Noam Bettan, wieder unter Polizeischutz: keine öffentlichen Auftritte außer dem für die Show, schreibt "Die Zeit", seine Hotel-Adresse: streng geheim. Kein Wunder: Eine pro-palästinensische Großdemonstration ist für den Tag des ESC-Finales bereits angemeldet.
Die Unterstützer:innen der Social-Media-Kampagne "No Music for Genocide" "lehnen den heuchlerischen Einsatz von Musik durch den ESC ab, der versucht, im Namen einer angeblich "unpolitischen" Harmonie Gräueltaten zu übertönen". Die Unterzeichner der Internetkampagne "Creative Community for Peace" dagegen sind "schockiert und enttäuscht darüber, dass einige Mitglieder der Unterhaltungsbranche dazu aufrufen, Israel vom Wettbewerb auszuschließen, weil es auf das größte Massaker an Juden seit dem Holocaust reagiert hat".
"Allzu oft" seien Boykottaufrufe gegen Israel antisemitisch, sagen Elias Berner und Niklas Herrberg vom Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in einem Gespräch, das unter anderem der "Standard" wiedergibt, am Beispiel des ESC 2025: "Empathie wird nur für die Opfer des Gazakriegs gefordert, "was ja auch völlig legitim ist." Gleichzeitig zeige man keinerlei Sympathie für die Person im Raum, Yuval Raphael, die eine Überlebende des Nova-Festival-Massakers ist."
"Lassen wir den ESC politisch sein - und miteinander darüber reden", fordert angesichts dieser vergifteten Gemengelage "Dr. Eurovision" Irving Wolther am Schluss seines Beitrags auf eurovision.de.
Live im Glasstudio des ORF im Eurovision Village am Wiener Rathausplatz diskutiert Alexander Musik mit dem Zeithistoriker und Kurator der Ausstellung "Protest, Skandale, Politik. 70 Jahre Eurovision Song Contest" im Haus der Geschichte Österreich, Florian Wagner, und Dr. Irving Wolther, Sprach- und Kulturwissenschaftler an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, über große und kleine politische Gesten in Geschichte und Gegenwart des ESC und deren Folgen.
Wie immer sind Sie eingeladen mitzudiskutieren: Anrufe kostenlos aus ganz Österreich unter 0800 22 69 79 E-Mails an punkteins(at)orf.at
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Gestaltung
- Alexander Musik
