Literatur am Feiertag
Eine große Liebe bis in den Tod
"Brief an D. Geschichte einer Liebe". Von André Gorz. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer, gelesen von Joseph Lorenz.
14. Mai 2026, 14:05
"Du wirst zweiundachtzig. Du bist sechs Zentimeter kleiner geworden, du wiegst nur noch fünfundvierzig Kilo, und immer noch bist du schön, graziös und begehrenswert. Seit achtundfünfzig Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe dich mehr denn je. Wieder trage ich eine verzehrende Leere in meiner Brust, die einzig die Wärme deines Körpers an dem meinen auszufüllen vermag." So beginnt diese "Geschichte einer Liebe", ein langer Brief, verfasst vom 83-jährigen aus Wien stammenden Philosophen und Sozialtheoretiker André Gorz.
André Gorz rekapituliert die 58 Jahre des Zusammenlebens mit D., einer Engländerin, die er, der aus Österreich geflüchtete Jude, nach dem Krieg in Lausanne kennen gelernt hatte und die dann seine Frau wurde. Entstanden ist ein Rückblick auf ein gutes halbes Jahrhundert philosophisch-politischer und publizistischer Arbeit, bei der D. ihm immer zur Seite stand. Doch ganz am Anfang dieses Rückblicks steht auch die Frage: "Warum nur bist du in dem, was ich geschrieben habe, so wenig präsent, während unsere Verbindung doch das Wichtigste in meinem Leben gewesen ist?"
"Jeder von uns möchte den anderen nicht überleben müssen", schreibt André Gorz am Ende seines knapp hundert Seiten langen Briefs an seine geliebte Frau. Da Dorine schwer und unheilbar krank ist, beschließen beide im Jahr 2006, nach der Veröffentlichung dieses "Briefs an D.", gemeinsam aus dem Leben zu scheiden.
Service
André Gorz, "Brief an D. Geschichte einer Liebe", aus dem Französischen von Eva Moldenhauer, Rotpunktverlag, 2017
Sendereihe
Gestaltung
- Kurt Reissnegger
