ORF/URSULA HUMMEL-BERGER
Gedanken für den Tag
Bauen zwischen Himmel und Erde
Johanna Schwanberg, Direktorin des Dom Museum Wien, zum 100. Todestag von Antoni Gaudí
8. Juni 2026, 06:57
Wer weiß, ob wir das Diplom einem Verrückten oder einem Genie gegeben haben - die Zeit wird es uns sagen." Mit diesem Satz verabschiedet der Direktor der Architekturschule in Barcelona im Jahr 1878 einen jungen Mann - und spricht damit vielleicht mehr Wahrheit aus, als er ahnt. Der Name dieses Absolventen: Antoni Gaudí. Geboren 1852 im katalanischen Reus, gilt er heute als einer der einflussreichsten Architekten der Geschichte.
Als Sohn eines Kupferschmieds kommt Gaudí früh mit Materialien und Formen in Berührung. Als Kind eher zurückhaltend, oft krank, verbringt er viel Zeit mit Beobachten: Formen, Licht, die Ordnung der Natur. In der Schule fallen früh seine Zeichnungen auf. Auch im Studium geht Gaudí eigene Wege. Er hält sich wenig an gängige Formen, sucht nach Lösungen, die aus ihm selbst heraus entstehen. Linien sind bei ihm nicht starr, sondern in Bewegung.
Mit den Jahren zieht sich der zeitlebens unverheiratete und tiefgläubige Architekt immer mehr zurück. Er konzentriert sich fast ausschließlich auf ein einziges Projekt: sein sakrales Hauptwerk, die Sagrada Famílial. Im Juni 1926 wird Antoni Gaudí bei einem Straßenbahnunfall schwer verletzt. Zunächst wird er nicht erkannt und in ein Armenhospital gebracht. Wenige Tage später stirbt er.
Was mich an Gaudís Biografie gerade jetzt zu seinem 100. Todestag nicht loslässt, ist diese unbeirrbare Konsequenz, dieses Bei-sich-Bleiben. Auch auf meinem eigenen, inzwischen gar nicht mehr so kurzen Lebensweg begegnet mir dieses Thema tagtäglich. Bei jeder Entscheidung. Bei jedem Text. Bei jeder Ausstellung. Und immer wieder taucht dabei die Frage auf: Wo folge ich Wegen, die andere schon gegangen sind - aus Gewohnheit oder Unsicherheit? Und wo bin ich mutig genug, ganz bei mir zu sein, um das zu tun, was wirklich ganz das Eigene ist?
Service
Buch, Kathrin Benz, "Antoni Gaudí. Der Architekt Gottes. Die Biographie", Wbg Theiss 2026
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Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Antonio de Cabezón
Album: Mirrors of time. Tribute Reflections
Titel: Pavana con su glosa. Für Instrumentalensemble
Anderssprachiger Titel: Obras de música para tecla, arpa y vihuela (Madrid, 1578)
Ausführende: Hespèrion XX
Ausführender/Ausführende: Jordi Savall
Ausführender/Ausführende: Sergi Casademunt
Ausführender/Ausführende: Fahmi Alqhai
Ausführender/Ausführende: Philippe Pierlot
Ausführender/Ausführende: Rafael Bonavita
Ausführender/Ausführende: Carlos García Bernalt
Länge: 02:59 min
Label: ALIA VOX AVSA9957
EAN: 8435408099578
