Vorgestellt
Der Dirigent als Komponist: Igor Markevitch
Ein Klavierkonzert, zwei Orchesterstücke, eine konzertante Symphonie mit Sopran über Lorenzo de' Medici: Jonathan Powell, Sarah Maria Sun und das RSO Berlin unter Johannes Kalitzke zeigen, wie in der Musik von Igor Markevitch die Klangfantasie eines Komponisten lodert, der keiner mehr sein wollte
8. Juni 2026, 11:30
Sein Dirigierlehrer, der für Moderne und Avantgarde vor und nach dem Zweiten Weltkrieg so wichtige Hermann Scherchen, war im Grunde entsetzt: Da gab es also diesen jungen Mann, den er für den bedeutendsten Komponisten der Gegenwart hielt, der sich aber "dummerweise darauf kapriziere, nur noch Dirigent zu sein". Und auch seine bereits äußerst erfolgreichen Werke wollte er jahrzehntelang selbst nicht aufführen. Warum?
Rätsel umgeben Igor Markevitch, der heute im Wesentlichen durch seine Plattenaufnahmen der Werke anderer ein Begriff ist. "Sensibel, aber nicht sentimental, elegant, doch nicht pathetisch, gestaltete der hochgewachsene schlanke Mann seine Interpretationen", beschrieb Dieter Römer 1985 das Phänomen Markevitch: "Präzise bis ins kleinste Detail, maß er jedem Ton der Partitur Bedeutung zu, verlor dabei nie den übergreifenden Kontext aus den Augen. Rhythmisch federnd und dynamisch ausgewogen schuf er klare, unprätentiöse Strukturen und vermittelte dem Hörer - hierin lag vielleicht die größte Kunst - auf gleichem Wege den Eindruck, dass der Dirigent mit dem Werk und dem Komponisten in einer seelischen Verwandtschaft stehen müsse."
Siebzehn war Markevitch, als er für sein Werk "L'Habit du Roi" an einem Weg arbeitete, den Zufall mit einzubeziehen - ein Vierteljahrhundert vor John Cage. Mit zwanzig verwendete er für "L'Envol d'Icare" Vierteltonstrukturen, auch das ein prononciertes Mittel der Avantgarde. Vielleicht waren es gerade der Ikarus-Mythos und dieses Werk, so vermutet der Musikwissenschaftler, Dramaturg, Verlagsmitarbeiter und CD-Produzent Frank Harders-Wuthenow, die in Markevitch den Eindruck hervorriefen, er sei bei seinem kompositorischen Höhenflug, wenn schon nicht tödlich abgestürzt, so doch verbrannt auf dem Boden der Tatsachen wieder angekommen.
Das Feuer von Igor Markevitchs Musik neu entfacht haben jedenfalls die Sopranistin Sarah Maria Sun, der Pianist Jonathan Powell und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Johannes Kalitzke: In vier Werken hebt man mit ihnen ab in die Klangwelten eines bedeutenden Komponisten, der kein Komponist mehr sein wollte.
Service
Aktuelle Aufnahme:
Igor Markevitch: Klavierkonzert, "Cinema-Ouvertüre", "Cantique d'Amour", "Lorenzo il Magnifico"
Ausführende: Jonathan Powell (Klavier), Sarah Maria Sun (Sopran), Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Johannes Kalitzke (Leitung)
Label: Eda Records
Sendereihe
Gestaltung
- Walter Weidringer
