Kurt Waldheim

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Punkt eins

Waldheim und das Ende der Zeit des Schweigens

1986: Als Bundespräsident Kurt Waldheim zum "Aufklärer wider Willen" wurde. Gäste: Otmar Lahodynsky, Journalist, Autor & Doron Rabinovici, Schriftsteller und Historiker. Moderation: Alexander Musik. Anrufe 0800 22 69 79 | punkteins(at)orf.at

Kurt Waldheim wurde am 8. Juni 1986 mit 53,91 Prozent der Stimmen zum Bundespräsidenten gewählt. Da war die heftige Debatte um seine Vergangenheit während des Krieges schon seit Monaten entbrannt: Waldheim war österreichischer Außenminister gewesen und UN-Generalsekretär - und niemand hatte sich offenbar dafür interessiert, in welchen NS-Verbänden er im Zweiten Weltkrieg Mitglied war, ob er womöglich in Kriegsverbrechen verwickelt war oder zumindest von ihnen wusste.

Das änderte sich im Jänner 1986, ausgelöst von einer Meldung im Magazin "profil", ziemlich weit hinten im Blatt platziert. Verfasst hatte sie der Journalist Otmar Lahodynsky.
Lahodynsky erinnert sich in einem Artikel in der "Furche" von 2026 an die Zeit: "Ich hatte damals einen Hinweis erhalten, dass beim Balkanfeldzug im Stab der von Löhr geführten Heeresgruppe E auch Kurt Waldheim als Oberleutnant und Ordonanzoffizier tätig war. Daher rief ich den Historiker Manfred Rauchensteiner an. Dieser antwortete zu meiner Überraschung, ohne lange zu überlegen: Ja, Waldheim sei auf dem Balkan im Stab von Löhr in der Abteilung 1c für Feindaufklärung zuständig gewesen."

Unter dem Oberbefehl Alexander Löhrs waren am Balkan Massaker verübt worden; 1947 war der Offizier dafür in Jugoslawien hingerichtet worden. In der Wiener Stiftskirche hing trotzdem jahrzehntelang eine Ehrentafel für den "unvergesslichen Kameraden", die erst 2015 entfernt wurde.

"Mein "profil"-Kollege Hubertus Czernin verfolgte auf Basis meines Berichts dieselbe Spur", so Lahodynsky weiter: "Es gelang ihm, die Erlaubnis zur Einschau in Waldheims Wehrstammbuch im Staatsarchiv zu erhalten. Und die Überraschung war groß, auch für einen anwesenden Mitarbeiter Waldheims: Denn auf der Wehrstammkarte waren auch Waldheims Mitgliedschaften im NS-Studentenbund und in der SA verzeichnet. Waldheim stellte beides in Abrede, die Mitgliedschaft müsse ohne sein Wissen erfolgt sein."

Je mehr Kurt Waldheim seine NS-Vergangenheit und seine Tätigkeit unter Generaloberst Löhr leugnete, desto unglaubwürdiger wurde er damals für viele - in Österreich und in der Welt. Dafür sorgten nicht zuletzt österreichische und internationale Medien, die den nunmehrigen Bundespräsidenten in immer mehr Widersprüche verwickelten, welche Waldheims politische Isolation zur Folge hatten. Waldheims UnterstützerInnen sprachen dagegen von einer "Schmutzkübelkampagne", suggeriert wurde der Einfluss der "Ostküste" - schon damals ein antisemitisches Codewort für den vermeintlich allmächtigen jüdischen Einfluss in der Welt.

Während sich das Image Österreichs im Ausland trübte, brachen im Land Tabus auf:
"Jahrzehntelang hatten Ruhe und ein Kirchhofsfriede geherrscht", schreibt etwa Doron Rabinovici, Mitherausgeber des Sammelbandes "Von der Kunst der Nestbeschmutzung - Dokumente gegen Ressentiment und Rassismus": "Doch Mitte der Achtziger änderte sich dies. Es war nun, als wäre jeder Lüge ein unsichtbares Ablaufdatum eingezeichnet, und was vorgestern noch bekömmlich schien und bloß ein Problem von Gusto und Geschmack, wurde plötzlich ranzig und verdorben."

Unversöhnlich standen sich AnhängerInnen und GegnerInnen Waldheims gegenüber - es ging gar nicht mehr wirklich um die Person des Mannes, der seine Vergangenheit im Krieg so ungeschickt verbergen und zurechtbiegen wollte. Es ging darum, mit der großen Lebenslüge aufzuräumen, Österreich sei im März 1938 das "erste Opfer des Nationalsozialismus" gewesen. Mit diesem Narrativ hatte es sich in der Nachkriegszeit ganz gut leben lassen.

Mit der nicht enden wollenden, so heilsamen Debatte um Waldheim kam frische Luft ins Land. Die Aufarbeitung der Vergangenheit rückte in greifbare Nähe, so schmerzhaft diese geistige Luftveränderung auch für viele Menschen war. Nun musste auch das offizielle Österreich die Mitschuld des Landes an den Verbrechen des Nationalsozialismus einräumen.
Eine internationale Historikerkommission kam 1998 zu dem Schluss, dass Kurt Waldheim zwar nicht an Kriegsverbrechen beteiligt war, aber doch von ihnen gewusst haben musste. Waldheim selbst lenkte erst viel später ein: "Es war notwendig, ja unverzichtbar, dass wir Österreicher uns von der reinen Opferrolle verabschiedet haben. Sie war zwar Grundlage unseres inneren Friedens nach 1945, des Wiederaufbaus und unserer Nachkriegs-Identität, aber doch nur Teil der Wirklichkeit."

Alexander Musik diskutiert mit Otmar Lahodynsky und Doron Rabinovici über Beginn und Folgen der "Waldheim-Affäre" in Österreich und international.

Wie immer sind Sie eingeladen mitzudiskutieren: Anrufe kostenlos aus ganz Österreich unter 0800 22 69 79; E-Mails an punkteins(at)orf.at

Wie haben Sie die "Waldheim-Affäre" mit ihren immer neuen Volten und parteipolitischer Manipulation erlebt? Erfüllten die Medien damals ihre aufklärerische Rolle oder ließen sie sich selbst instrumentalisieren?

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Gestaltung

  • Alexander Musik