Sagrada Família, Innenansicht

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Gedanken für den Tag

Antoni Gaudí - Planung und Experiment

Johanna Schwanberg, Direktorin des Dom Museum Wien, zum 100. Todestag von Antoni Gaudí

In die Landschaft eingebettet, wirkt es durch die Natursteinfassade, die an Pinienrinde erinnert, fast wie ein gewachsenes Stück Erde. Die Säulen stehen nicht ruhig nebeneinander, sondern neigen sich, verzweigen sich, laufen schräg auseinander. Die Decke senkt sich in unregelmäßigen Formen darüber, Öffnungen lassen gedämpftes Licht einfallen, das über die rauen Flächen wandert.

Die zum Weltkulturerbe zählende Krypta der Colònia Güell in Barcelona gehört zu Gaudís experimentellen Arbeiten und ist zwischen 1898 und 1915 entstanden. Dafür hat der Architekt sein berühmtes Hängemodell entwickelt: ein Geflecht aus Schnüren und Gewichten, das die Kräfteverläufe sichtbar machte. Was im Modell unter Zug hängt, wird im Bau zu tragenden Bögen.

Ursprünglich ist eine ganze Kirche für die Arbeitersiedlung geplant gewesen, doch dazu ist es nie gekommen. Nach finanziellen Schwierigkeiten ist der Bau eingestellt worden, und es ist bei der Krypta als einzig ausgeführtem Teil geblieben.

Mich interessiert dieses unvollendete Werk besonders, weil ich das Gefühl habe, hier Gaudís Arbeitsweise ablesen zu können: ein Suchen und Entwickeln, das er später bei seinem sakralen Hauptwerk, der Sagrada Família, weitergeführt und schließlich perfektioniert hat. Gaudís Architektur trennt Gegensätze nicht, sondern führt sie zusammen. Zufall und Berechnung. Experiment und Planung. Was wie gewachsen wirkt, ist dennoch präzise konstruiert.

In meinem eigenen beruflichen wie privaten Leben beschäftigt mich dieses Spannungsfeld seit Jahren. Immer wieder erlebe ich, wie leicht etwas in die eine oder andere Richtung kippt. Und mir wird dabei bewusst, dass das Leben vielleicht stets ein Ringen um das Finden dieses Gleichgewichts ist: Zwischen Vorausdenken und Experiment, zwischen dem, was ich gestalte, und dem, was ich geschehen lasse.

Service

Buch, Kathrin Benz, "Antoni Gaudí. Der Architekt Gottes. Die Biographie", Wbg Theiss 2026

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: François Couperin
Album: Mirrors of time. Tribute Reflections
Titel: 3. Satz: Pompe funèbre. Très gravement - aus der Suite für Viola da gamba und Basso continuo A-Dur
Gesamttitel: Pièces de Violes avec la basse chiffré par Mr. F.C. (Paris, 1728)
Titel: Deuxième suite
Anderssprachiger Titel: Suite en la
Leitung: Jordi Savall / Viola da gamba
Ausführender/Ausführende: Jordi Savall / Viola da gamba
Ausführende: Hespèrion XX
Ausführender/Ausführende: Ariane Maurette /Viola da gamba
Ausführender/Ausführende: N. N. /Cembalo
Länge: 01:10 min
Label: ALIA VOX AVSA9957 EAN: 8435408099578

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