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Gedanken für den Tag
"Ich grenz noch an ein Wort und ein andres Land"
Cornelius Hell, Literaturkritiker und Übersetzer, zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann
26. Juni 2026, 06:57
Ingeborg Bachmann, geboren am 25. Juni 1926 in Klagenfurt, gilt als eine der bedeutendsten europäischen Autorinnen des 20. Jahrhunderts. Charakteristisch für sie ist "der Mut, im Schreiben und im Leben bis zum Äußersten zu gehen", wie es die neue Bachmann-Biografie von Andrea Still formuliert. Sie war auch eine leidenschaftliche Intellektuelle, die die Nachwirkungen des Nationalsozialismus genau im Blick hatte, und eine leidenschaftlich Liebende. Margarethe von Trottas Film "Ingeborg Bachmann - Reise in die Wüste" beleuchtet ihre verzweifelte Liebe zu Max Frisch, "Die Geträumten" von Ruth Beckermann zeigt sie in ihrer tragischen Lebensliebe zu Paul Celan.
In Ingeborg Bachmanns Hörspiel "Der gute Gott von Manhattan" sprengt Liebe alle Grenzen. Sie führt in die Ekstase, in jenen "anderen Zustand", wie sie Robert Musil in großer Nähe zur christlichen Mystik nennt. In ihren letzten Texten schreibt Bachmann aber auch vom Zu-Tode-Kommen durch zerstörerische Liebe und vom Privatleben als Kriegsschauplatz. "Liebe: Dunkler Erdteil" heißt eines ihrer Gedichte.
Die Worte standen Ingeborg Bachmann nicht einfach zur Verfügung - ihr Werk ist eine Suche nach einer neuen Sprache und durchzogen von der Utopie eines anderen Lebens. Die Verszeile "Ich grenz noch an ein Wort und an ein andres Land" in ihrem berühmtesten Gedicht "Böhmen liegt am Meer" verdichtet das zu einer unvergesslichen Formel.
