Punkt eins

"Nicht genügend" - und jetzt?

Wie Schulzeugnisse Leistungen abbilden. Gäste: Mag. Sabine Hekele-Strasser, klinische und Gesundheitspsychologin & Univ.-Prof. Dr. Georg Hans Neuweg, Leitung Abteilung für Wirtschafts- und Berufspädagogik, Johannes Kepler Universität Linz. Moderation: Alexander Musik. Anrufe 0800 22 69 79 | punkteins(at)orf.at

An diesem Freitag ist noch einmal Zeugnisvergabe, mit mehr oder weniger Spannung erwartet von allen Schülerinnen und Schülern in den westlichen Bundesländern Österreichs und ihren Eltern. Die meisten Schüler dürften ungefähr wissen, mit welchen Noten sie in die langen Sommerferien entlassen werden. Dafür sorgt das so genannte Frühwarnsystem. Ein drohendes "Nicht genügend" soll schließlich nicht aus heiterem Himmel kommen, sondern den Eltern von der Schule rechtzeitig angekündigt werden, inklusive Beratungsgespräch mit den Lehrpersonen im betreffenden Fach. Und dann hat der Gesetzgeber mit Nach- und Entscheidungsprüfung noch weitere Instanzen eingezogen, damit das Kind nicht unbedingt die Klasse wiederholen muss.

Dennoch kann die Zeugnisvergabe erheblichen Stress auslösen - nicht zuletzt im Eltern-Kind-Verhältnis. Darauf verweist zum Beispiel die Beratungsorganisation "Rat auf Draht", die kurz vor dem großen Tag der Zeugnisvergabe - für die Wiener, Niederösterreicherinnen und Burgenländer ist er schon passé - noch einmal beruhigend auf die emotional aufwühlende Situation hingewiesen hat: "Schlechte Noten sagen nichts über die tatsächliche Intelligenz oder die Fähigkeiten Ihres Kindes aus", so "Rat auf Draht". Die Beraterinnen warnen vor elterlichen Sanktionen bei einem oder mehreren "Nicht genügend" der Sprösslinge: "Strafen bei schlechten Noten sind aber eher kontraproduktiv und bewirken nur, dass das familiäre Miteinander noch schwieriger wird. Die Situation ist herausfordernd genug, lassen Sie daher Zockverbot, Streamingverbot oder Handyverbot sein."

Doch wie aussagekräftig sind Ziffernnoten wirklich? Inwieweit spiegeln Noten von 1 bis 5 die Leistung der Schülerinnen und Schüler im zu Ende gegangenen Schuljahr wieder? Eine Studie aus dem Jahr 2024, Beitrag im Sammelband "10 Jahre Regelschule - die (Neue) Mittelschule" kam zu folgendem Ergebnis: "AHS-Schülerinnen und -Schüler müssen für die gleiche Note spürbar mehr leisten als NMS-Schülerinnen und -Schüler", schreiben die Studienautoren Hans Georg Neuweg und Ferdinand Eder: "Zudem werden Schülerinnen und Schüler aus Akademiker:innen-Familien in der AHS und in der NMS bei gleicher Leistung schlechter beurteilt als Schülerinnen und Schüler aus Familien mit niedrigem Bildungsstatus." Neuweg und Eder folgern aus den Ergebnissen ihrer Untersuchung: "Schülerinnen und Schüler können so kaum lernen, sich sachlich begründet selbst einzuschätzen."

Wenn also selbst die Schüler ihre Lernerfolge schwer einschätzen können, wie sollen es dann die Eltern tun? Konflikte scheinen hier programmiert, und in nicht wenigen Fällen sollen dann Schulpsychologinnen retten, was zu retten ist.

Alexander Musik diskutiert mit Mag. Sabine Hekele-Strasser, klinische und Gesundheitspsychologin und Univ.-Prof. Dr. Georg Hans Neuweg, Leitung Abteilung für Wirtschafts- und Berufspädagogik, Johannes Kepler Universität Linz und Autor des in Österreich meistverkauften Fachbuches zur schulischen Leistungsbeurteilung, über Sinn und Unsinn klassischer Notengebung und möglichen Reformbedarf.

Wie immer sind Sie eingeladen mitzudiskutieren:

Erinnern Sie sich an Ihre eigenen Schulzeugnisse und als wie gerecht empfanden Sie die Beurteilungen? Können Zeugnisse schulische Leistungen abbilden oder sind alternative Schulformen mit Beurteilungen ohne Ziffernnoten hier im Vorteil? Wie gehen Sie mit Ihren Kindern um, wenn sie zum Tag der Zeugnisvergabe mit einem "Nicht genügend" nach Hause kommen?

Anrufe kostenlos aus ganz Österreich unter 0800 22 69 79
E-Mails an punkteins(at)orf.at

Sendereihe

Gestaltung

  • Alexander Musik