Punkt eins

Extremwetter in der Arktis

Polarer Eisverlust als globaler Klimafaktor. Gäste: Susanna Gartler, Institut für Kultur- und Sozialanthropologie, Universität Wien; Univ.-Prof. Wolfgang Schöner, Institut für Geographie und Regionalwissenschaften, Universität Graz. Moderation: Marlene Nowotny. Anrufe 0800 22 69 79 | punkteins(at)orf.at

Ist von der Arktis die Rede, tauchen im Kopf unweigerlich Bilder von Eismassen auf, von ewig weißen Landschaften, von Eisbären, die von einer Eisscholle auf die nächste hüpfen. Doch die arktischen Landschaften sind vielfältiger als das. Die Landgebiete der Polarregion erstrecken sich über eine Küstenlänge von ca. 45.400 Kilometern. Ganzjährig schnee- und eisbedeckt ist ein Teil der Land- und Meeresgebiete nur mehr in der Hohen Arktis. In südlicheren Breiten taut das Eis während der Sommermonate.

In der Arktis gibt es Gebirge und Gletscher, weilte Hügellandschaften und Tiefebenen, Sümpfe und Wiesen. Die Feuchtgebiete der Arktis bedecken etwa 70 Prozent der Landmassen und sind etwa Lebensraum für Zugvögel und anderer Tiere, die an den sommerlichen Polartag gewöhnt sind. Während des Polartages in den Sommermonaten sinkt die Sonne nicht unter den Horizont. Direkt am Nordpol dauert der Polartag von April bis September.

Für den europäischen Kontinent ist die Arktis ein wichtiger Klimafaktor. Die Temperaturen in der Polarregion haben Einfluss auf den Jetstream: Ein Windband zwischen Polen und Äquator, das mit bis zu 500 Kilometern pro Stunde den Globus umströmt und Hoch- und Tiefdruckgebiete bzw. Extremwetterereignisse beeinflusst. Auch deswegen ist die Arktis als Forschungsstandort für internationale Forschende interessant, auch aus Österreich.

Die Sermilik Forschungsstation der Universitäten Graz und Kopenhagen befindet sich am Eingang des Sermilikfjords auf der vorgelagerten Insel Ammassalik im Osten Grönlands - 15 Kilometer von Tasiilaq entfernt, dem mit knapp 2.000 Einwohnerinnen und Einwohnern größte Ort Ostgrönlands. Dort untersucht der Geograph und Klimaforscher Wolfgang Schöner gemeinsam mit seinem Forschungsteam von der Universität Graz, wie sich Klimawandel und steigende Temperaturen auf die Polarregion auswirken. Das Abschmelzen der arktischen Gletscher wird dort in Echtzeit gemessen, der Wasserabfluss erhoben, das Schrumpfen der Eismassen mit Zeitrafferkameras festgehalten.

So kann auch die Wechselwirkung zwischen Atmosphäre und Gletschern untersucht werden - die Gletscher Ostgrönlands ähneln jenen der Alpen, sind aber weitgehend frei von menschlichen Einflüssen. Dass der Klimawandel die Ökosysteme der Arktis in besonderem Ausmaß bedroht, zeigt sich nicht nur anhand des schwindenden Eises. Wegen der steigenden Temperaturen tauen auch Permafrostböden auf. Eine Entwicklung, die Susanna Gartler vom Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien in ihrer Forschung untersucht.

Die tauenden Böden setzen darin gespeicherte Treibhausgase wie Methan und CO2 frei. Die Bodenerosion bedroht zudem Infrastrukturen speziell in Küstengebieten und damit auch menschliche Lebensräume. In Regionen, in denen die Bevölkerung von der Jagd und dem Fischfang abhängig ist, könne das auch die Ernährungssicherheit beeinflussen, so Gartler. Außerdem wecken die tauenden Böden und schmelzenden Polkappen Begehrlichkeiten in Politik und Wirtschaft: Die Arktis verfügt über Vorkommen seltener Erden, Gold und Eisenerz, Zink und Kupfer, Niob und Molybdän. Neue Schifffahrtsrouten wie die Nordostpassage sollen den Handel mit arktischen Rohstoffen erleichtern - Vorhaben, die große Risiken für die indigenen Gemeinschaften und die natürlichen Ökosysteme der Polarregion bergen.

Marlene Nowotny spricht mit Wolfgang Schöner, zugeschaltet aus Grönland, und mit Susanna Gartler über die Arktis, die Folgen des Klimawandels für die polaren Ökosysteme und über Prognosen zur Entwicklung dieses Natur- und Wirtschaftsraums. Und mit Ihnen: Rufen Sie in der Sendung an unter 0800 22 69 79 oder schreiben Sie ein E-Mail an punkteins(at)orf.at.

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