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Punkt eins
5 Jahre Taliban-Regime in Afghanistan
Gender Apartheid, systemische Menschenrechtsverletzungen und Widerstand.
Gäste: Gawhar Musleh, Gesundheitsberaterin beim FEM Süd - Gesundheitszentrum für Frauen, Eltern, Mädchen, Vorstandsmitglied des Afghanischen Kultur, Integrations- und Sportvereins in Österreich (AKIS) & Michael Fanizadeh, stellvertretender Geschäftsführer und Projektkoordinator beim VIDC - Vienna Institute for International Dialogue and Cooperation. Moderation: Andreas Obrecht. Anrufe 0800 22 69 79 | punkteins(at)orf.at
14. August 2026, 13:00
Die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan am 15. August 2021 trieb tausende Menschen zum Flughafen - aus Angst vor Vergeltung und in der Hoffnung, ausgeflogen zu werden. Die Bilder von diesen Verzweifelten sind noch in Erinnerung - nur wenigen gelang die Flucht. Trotz anderslautender Lippenbekenntnisse der neuen Machthaber in Kabul kam es zu Vergeltungsmorden, Hinrichtungen und zu dem Verschwinden vieler Menschen.
Zudem haben die Taliban schon kurz nach der Machtübernahme Mädchen und Frauen den Zugang zur Sekundar- und Hochschulbildung versperrt. Somit ist Afghanistan das einzige Land, in dem Mädchen nicht mehr als maximal sechs Schulklassen absolvieren dürfen. In einer soeben erfolgten Aussendung geht die UNO-Kulturorganisation UNESCO von 2,4 Millionen Mädchen aus, die von weiterführender Schulbildung ausgeschlossen sind, wobei sich diese Zahl bis 2030 auf rund vier Millionen erhöhen könnte. Zusätzlich kam es zur rigorosen Einschränkung weiblicher Erwerbsarbeit, die freien Medien wurden zerschlagen und im Juli 2024 wurde ein Moralgesetz "zur Förderung der Tugend und zur Verhinderung des Lasters" verabschiedet, das Frauen und Mädchen von allen öffentlichen Räumen und Rollen ausschließt, was zu einer permanenten Kontrolle und Überwachung führt. Frauen, die Widerstand leisten werden misshandelt und gefoltert.
Seit ihrer Rückkehr an die Macht und der neuerlichen Errichtung eines Islamischen Emirats haben die Taliban ein ohnedies schon sehr armes Land an den Rand des ökonomischen Kollapses gebracht. Die radikale, grundlegende Menschenrechte verletzende Politik hat dazu geführt, dass der Großteil der Auslandshilfen eingestellt wurde: Rund die Hälfte der Bevölkerung ist auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen, laut dem UNO-Kinderhilfswerk UNICEF leiden 3,7 Millionen Kinder an Unterernährung. Auch die - vielfach erzwungene - Rückkehr von 5 Millionen afghanischen Geflüchteten aus Pakistan und dem Iran hat zu einer Verschärfung der wirtschaftlichen Krise beigetragen, denn vielen von ihnen fehlen Existenzgrundlagen und Einkommensquellen.
Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai spricht davon, dass die Taliban mit der systematischen geschlechtsspezifischen Segregation ein System der Gender Apartheid geschaffen haben. Mittlerweile gibt es eine Reihe von Initiativen, die Gender Apartheid als Verbrechen gegen die Menschlichkeit in den UN-Konventionen, der Rechtsprechung des Internationalen (IGH) und Europäischen Gerichtshofes (EuGH) und des Internationalen Strafgerichtshofes (IStGH) verankert wissen wollen. Letzterer hat im Jänner 2025 auch zwei hochrangige Taliban-Führer, die maßgeblich für die Verfolgung von Frauen und Mädchen verantwortlich sind, angeklagt.
Wie unterscheidet sich die politische Situation in Afghanistan vor der Machtübernahme durch die Taliban von jener der letzten 5 Jahre? Was bedeutet Gender Apartheid, welcher systemischen Menschenrechtsverletzungen bedient sie sich? Welche Formen des Widerstandes gibt es innerhalb und außerhalb Afghanistans? Welche Bedeutung hat die afghanische Diaspora in Österreich und was sind - speziell für Frauen - die größten Stolpersteine, hierzulande Fuß zu fassen? Sollen, wie unlängst mehrfach geschehen, afghanische Delegationen empfangen werden, um Abschiebungen aus europäischen Ländern zu erleichtern oder kommt das einer indirekten Anerkennung des Regimes gleich?
Gawhar Musleh, hat in Kabul Medizin studiert und das Studium 2015 erfolgreich abgeschlossen. 2016 kam sie nach Österreich, wo sie derzeit als Gesundheitsberaterin beim FEM Süd arbeitet. Sie engagiert sich als Vorstandsmitglied des Afghanischen Kultur-,
Integrations- und Sportvereins in Österreich (AKIS) für die Rechte von Mädchen und Frauen. Mittlerweile sind medizinische Ausbildungen in Afghanistan zur Gänze untersagt, was mittelfristig dazu führen wird, dass Mädchen und Frauen grundsätzlich keine medizinische Hilfe erhalten werden.
Michael Fanizadeh arbeitet im VIDC - dem Vienna Institute for International Dialogue and Cooperation - in den Bereichen Migration, Vertreibung, Menschenrechte mit einem regionalen Fokus auf den Nahen und Mittleren Osten.
Gawhar Musleh und Michael Fanizadeh sind Gäste bei Andreas Obrecht und wie immer in Punkt eins, der Sendung zum Mitreden, freut sich die Redaktion über Ihre Teilnahme an dem Gespräch unter 0800 22 69 79 während der Sendung oder unter punkteins(at)orf.at
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Gestaltung
- Andreas Obrecht
