Cornelius Hell

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Gedanken für den Tag

"Immer noch hat der Engel recht"

Cornelius Hell, Literaturkritiker und Übersetzer, über die Himmelsboten in der Literatur und im eigenen Leben

"Ich habe einen Engeltick. Raffael, Botticelli, Giotto, Hauptsache, es sind Flügel dran." Das sagt die Erzählerin in Cees Notebooms Roman "Paradies verloren". Und ihre Freundin erklärt ihr, warum sie diesen Engeltick hat: "Das kommt, weil du selbst fliegen können willst."

Engel verkörpern viele menschliche Sehnsüchte: fliegen können, augenblicklich an jedem beliebigen Ort sein - und jederzeit verschwinden können. Darum sind die Engel auch so beliebt - selbst bei Dieben: Engelfiguren werden aus Kirchen am häufigsten gestohlen. Engel sind sozusagen das positive, unproblematische Gesicht der Religion. Sie haben Eingang in die Titel unzähliger Filme und Bücher gefunden. Gerade in diesem Frühling sind gerade zwei bedeutende Romane erschienen: "Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht" von Josef Winkler und "Engel des Verschwindens" des kroatischen Autors Slobodan Šnajder.

Es fasziniert mich immer wieder, welche Blüten die Engelsvorstellungen in der Literatur treiben. Immer fällt mir da Max Frisch ein, der in seinem Tagebucheintrag vom 1. Jänner 1949 den Schutzengel als Sympathie eines anderen Menschen deutet: "Der Schutzengel: die Sympathie, wir brauchen ihn immerzu", schreibt Frisch und zeigt die Fragilität dieses Schutzes: "und dabei ist es nur ein Hauch, was uns schützt, was uns von dem Ungeheuerlichen trennt, von dem Rettungslosen, wo nichts mehr für dich zeugt, kein eignes Wort, keine eigne Tat…"

Der Philosoph und Schriftsteller Walter Benjamin hat in seinem berühmten Bild vom "Engel der Geschichte" nicht weniger als eine Zeit- und Weltdiagnose entworfen. Maja Haderlapp stellt ihm in ihrem Roman den "Engel des Vergessens" gegenüber: Er hat darauf vergessen, die quälenden Erinnerungen zu löschen - und dem verdankt sich das Buch, das die Erinnerungen an den Partisanenkampf der Kärntner Slowenen erzählt. Es erstaunt mich immer wieder, wie viele Welten das Bild eines Engels eröffnet.

Service

Cees Noteboom, "Paradies verloren", Roman, Suhrkamp Verlag 2005
Josef Winkler, "Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht", Roman, Suhrkamp Verlag 2026
Slobodan Šnajder, "Engel des Verschwindens", Roman Zsolnay Verlag 2026
Max Frisch, "Die Tagebücher. 1949-1949. 1966-1971", Suhrkamp Verlag 1983
Maja Haderlapp, "Engel des Vergessens". Roman, Wallstein Verlag 2011
"Himmlische Boten. Gedichte und Geschichten von Engeln", herausgegeben von Andrea Wüstner, Philipp Reclam jun. Stuttgart 2005, 2010

Podcast abonnieren

Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Craig Armstrong
Bearbeiter/Bearbeiterin: Craig Armstrong
Bearbeiter/Bearbeiterin: Matt Dunkley
Gesamttitel: LOVE ACTUALLY / Original Filmmusik
Titel: Glasgow love theme
Anderer Gesamttitel: TATSÄCHLICH LIEBE / Original Filmmusik
Leitung: Cecilia Weston
Orchester: Filmorchester
Länge: 02:16 min
Label: Island/Universal 9814033

weiteren Inhalt einblenden