ORF/URSULA HUMMEL-BERGER
Gedanken für den Tag
Beschützt von einem Engel
Cornelius Hell, Literaturkritiker und Übersetzer, über die Himmelsboten in der Literatur und im eigenen Leben
28. August 2026, 06:57
Ein schmaler Holzsteg, dem ein Brett fehlt, darunter ein tosender Bach, auf dem Steg zwei kleine barfüßige Kinder und hinter ihnen ein großer weißer Engel, die Arme nach vorne über die Kinder gebreitet, während die mächtigen Flügel nach oben stehen - in frühen Kindheitsjahren habe ich dieses Bild mit seinem goldfarbenen Rahmen über meinem Bett gemocht, denn der Steg auf dem Bild war jenem so ähnlich, über den ich alleine ging, um von unserem Bauern die Milch zu holen. Und jedes Mal bin ich gerne über diesen Steg gegangen, weil ich darauf den Rückenwind des Engels spürte.
Später ist mir dieses Bild peinlich geworden, und wahrscheinlich habe ich es selbst entsorgt. Es war ja auch reinster Kitsch, wie ich jetzt im Internet feststellen konnte. Darum musste ich mich von diesem Bild verabschieden. Aber von der Vorstellung eines Schutzengels habe ich mich nie ganz verabschiedet. Denn mehrmals in meinem Leben bin ich trotz allem noch gut davongekommen. Darum hängt in meinem Vorzimmer ein Engelbild: ein Bild des lachenden Engels von der Westfassade der Kathedrale von Reims. Dort war ich nur ein einziges Mal als junger Mann, aber sein Foto hat mich seither durch alle Umzüge begleitet.
Dass ein Engel nichts Nebensächliches ist, habe ich an einem Text von Friedrich Dürrenmatt gelernt. In den Anmerkungen zu seiner Komödie "Ein Engel kommt nach Babylon" schreibt er:
Immer noch hat der Engel recht, immer noch ist die Erde das Wunder. Der Engel mag uns weltfremd scheinen, ich glaube jedoch, dass jene weltfremder, blinder sind, welche die Welt nur als Verzweiflung sehen. Die Erde hängt nicht im Nichts, sie ist ein Teil der Schöpfung. Das ist ein Unterschied. Die letzten beiden Sätze kann ich nicht so einfach im Brustton einer fixen Überzeugung sagen, aber auch ich sehe die Welt nicht nur als Verzweiflung. Und das hat mit dem Engel zu tun.
Service
Friedrich Dürrenmatt, "Immer noch hat der Engel recht". In: Friedrich Dürrenmatt: "Ein Engel kommt nach Babylon. Eine fragmentarische Komödie in drei Akten", Neufassung 1980, Diogenes Verlag 1998
"Himmlische Boten. Gedichte und Geschichten von Engeln", herausgegeben von Andrea Wüstner, Philipp Reclam jun. Stuttgart 2005, 2010
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Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Ludovico Einaudi geb.1955
Album: UNA MATTINA / LUDOVICO EINAUDI
Titel: Nuvole bianche - für Klavier
Solist/Solistin: Ludovico Einaudi
Länge: 05:57 min
Label: Decca/Universal 4756292
