Gedanken für den Tag
"Immer noch hat der Engel recht"
Cornelius Hell, Literaturkritiker und Übersetzer, über die Himmelsboten in der Literatur und im eigenen Leben
28. August 2026, 06:57
Keine religiöse Vorstellung ist so beliebt wie die von den Engeln - selbst bei Dieben: Engelsfiguren werden am häufigsten gestohlen. Aber auch in der Literatur sind die Engel ungebrochen präsent: "Ich habe einen Engeltick. Raffael, Botticelli, Giotto, Hauptsache, es sind Flügel dran", sagt die Erzählerin in Cees Notebooms Roman "Paradies verloren". Und ihre Freundin weiß auch, warum: "Das kommt, weil du selbst fliegen können willst." Engel verkörpern viele menschliche Sehnsüchte: fliegen können, augenblicklich an jedem beliebigen Ort sein - und jederzeit verschwinden können. Engel sind sozusagen das positive, unproblematische Gesicht der Religion. Autorinnen und Autoren wie Heinrich Heine, Rainer Maria Rilke, Else Lasker-Schüler, Friedrich Dürrenmatt oder Hans Magnus Enzensberger haben die Engel-Figur aufgegriffen. Und wer hat nicht schon einmal einen geliebten Menschen als Engel bezeichnet oder in Gefahr von einem Schutzengel geträumt?
