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Gedanken für den Tag
Mythen des Fortschritts
Petra Nagenkögel, Schriftstellerin, zum 100. Geburtstag von Ivan Illich
31. August 2026, 06:57
Bücher wiederzulesen, nach langem Abstand, ist eine Zeitreise. Es bindet das Jetzt des Lesens an ein Damals und lässt Geschichte greifbar werden, die persönliche wie die der Welt, es lässt zurückschauen und reflektieren über eingeschlagene Wege und Irrwege, über Möglichkeiten und Versäumnisse.
Meine erste Begegnung mit Büchern von Ivan Illich ist Jahrzehnte her. Das Wiederlesen ist eine Neuentdeckung vor dem Hintergrund einer bedrängenden Gegenwart. Die Aktualität dieses Werks ist erstaunlich, ebenso der Scharfsinn, mit dem Illich vor mehr als 50 Jahren den Irrlauf jener Entwicklungen diagnostiziert, die wir gewohnt sind, Fortschritt zu nennen: "Die Symptome einer planetarischen Krise, die sich noch beschleunigen wird, liegen zutage."
Ivan Illich hat Theologie, Geschichte und Philosophie studiert, eine Verbindung, die seinem Blick auf die Welt zugrunde liegt. Erich Fromm, mit dem er befreundet war, bezeichnet ihn als "radikalen Humanisten". In den 1970er Jahren gehört Ivan Illich zu den prägendsten Kritikern der Industrie- und Wachstumsgesellschaft. Deren grundlegende Prämissen bezeichnet er als "Fortschrittsmythen" und verweist auf ihre inneren Widersprüche: Den Versprechen, die mit den Dogmen von Wachstum und Entwicklung einhergehen, stellt er Tatsachen gegenüber - wachsende soziale Ungleichheit, die Zerstörung von Ökosystemen und damit unserer Lebensgrundlagen, der Verlust menschlicher Autonomie durch immer globaler werdende Abhängigkeiten. Kurz: eine, wie Illich es nennt, "Enteignung des Lebens".
Einmal mehr erlebe ich die Lektüre seiner Bücher als auf schmerzhafte Weise erhellend - und als nach wie vor gültige Einladung: eine Einladung dazu, bestehende Ordnungen nicht für die Norm und nicht für alternativlos zu halten, sondern eine Vorstellung davon zu entwickeln, in welcher Welt wir wie leben möchten.
Service
Ivan Illich, "Fortschrittsmythen", deutsch von Thomas Lindquist, Rowohlt Verlag, Reinbek 1978
Ivan Illich, "Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik", deutsch von Thomas Lindquist, Rowohlt Verlag, Reinbek 1980
Ivan Illich, "Klarstellungen. Pamphlete und Polemiken", aus dem Englischen von Helmut Lindemann. Mit einer Einleitung von Erich Fromm. Verlag C.H. Beck, München 1996
Ivan Illich, "In den Flüssen nördlich der Zukunft. Letzte Gespräche über Religion und Gesellschaft mit David Cayley", aus dem Englischen von Sebastian Trapp, Verlag C.H.Beck, München 2006
Thierry Paquot, "Ivan Illich. Denker und Rebell", aus dem Französischen von Henriette Cejpek und Barbara Duden, Verlag C.H. Beck, München 2017
Martina Kaller-Dietrich, "Ivan Illich. Sein Leben, sein Denken", Bibliothek der Provinz, Weitra 2007
Gabriele Goettle, "Frühstückmit Ivan Illich", taz, 30.7.2001
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Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Keith Jarrett geb.1945
Album: BELONGING
Titel: Blossom/instr.
Solist/Solistin: Keith Jarrett
Ausführender/Ausführende: Jan Garbarek
Ausführender/Ausführende: Palle Danielsson
Ausführender/Ausführende: Jon Christensen
Länge: 12:18 min
Label: ECM 1050
