"Ötzi" in der Kältekammer

IMAGO/MIS

Punkt eins

35 Jahre Ötzi: Sensation, Mythos, Mensch

Über die Erforschung, Geschichte und Konservierung der besterhaltenen Feuchtmumie der Welt. Gäste: Elisabeth Vallazza, Archäologin, Direktorin des Südtiroler Archäologiemuseums & Dr. Oliver Peschel, Konservierungsbeauftragter des Mannes aus dem Eis im Südtiroler Archäologiemuseum und Professor am Institut für Rechtsmedizin der Universität München. Moderation: Barbara Zeithammer. Anrufe 0800 22 69 79 | punkteins(at)orf.at

Es war ein ungewöhnlich heißer Sommer im Jahr 1991, als das "ewige" Eis auf dem knapp 3.200 m hohen Tisenjoch in den Ötztaler Alpen den Oberkörper eines Leichnams freigab, mit dem Gesicht nach unten liegend. Die Nürnberger Wanderer Erika und Helmut Simon entdeckten den Toten am 19. September, machten ein Foto, meldeten den Fund bei einem Hüttenwirt und vermuteten, es handle sich um einen verunglückten Bergsteiger. Doch der Mann hatte dort 5.300 Jahre lang gelegen.

35 Jahre später wird die Geschichte von Ötzi, dem Mann aus dem Eis, einem Mordopfer, nach wie vor geschrieben. Erst Anfang September meldeten Forschende den Fund von Mikroorganismen in seinem Magen, die wohl noch leben dürften. Im August wurde ein neues 3-D-Modell der Mumie präsentiert, ein digitaler Zwilling, der weitere Forschungen ermöglichen wird, ohne den Körper in Gefahr zu bringen. Neue wissenschaftliche Methoden sorgen stets für neue Erkenntnisse über den Eismann, der seinen Spitznamen Ötzi dem Wiener Journalisten Karl Wendl verdankt und kein Mensch dürfte je so gründlich untersucht worden sein. Es scheint fast nichts zu geben, was man über ihn nicht weiß von der Augen- bis zur Hautfarbe (dunkler als angenommen), über Erkrankungen und Parasiten, Gelenksabnützungen, Laktoseintoleranz und eine markante Zahnlücke. Die letzten Tage seines Lebens wurden rekonstruiert, ebenso seine letzte Mahlzeit. Seine Kleidung, Ausrüstung und Beifunde wurden gründlich untersucht.

Mindestens so spannend wie die Forschungsergebnisse und die Geschichte, die sie erzählen, ist die Geschichte seiner Bergung und Untersuchung. Zunächst war die Bedeutung des Fundes nicht erkannt worden; dann machte er weltweit Schlagzeilen; es kam zu einem Grenzstreit - er lag auf Südtiroler Seite. 1998 wurde in Bozen das Südtiroler Archäologiemuseum eröffnet, wo die Mumie verwahrt wird. Zehn Jahre nach dem Fund, 2001, nahm Ötzis Geschichte eine entscheidende Wende: In Bozen wurde bei neuen Röntgenaufnahmen eine Pfeilspitze entdeckt, die in Innsbruck übersehen worden war. Untersuchungen ergaben: Ötzi starb keines natürlichen Todes, er wurde ermordet.

Viele Fragen sind nach wie vor offen, nicht nur zu den Hintergründen seines Todes. Wer war dieser Mann? Ein Anführer (mit wertvollem Kupferbeil), ein Händler oder Hirte, ein Ausgestoßener? In welcher Gesellschaft lebte er? Was führte ihn in hochalpines Gelände?

"Unsere wichtigste Aufgabe ist es, den Mann aus dem Eis und seine einzigartige Ausrüstung dauerhaft zu bewahren und zugleich wissenschaftliche Forschung zu ermöglichen", sagt die Archäologin Elisabeth Vallazza, Direktorin des Südtiroler Archäologiemuseums. Es ist eine wissenschaftlich wie ethisch komplexe und herausfordernde Aufgabe.

Ötzi befindet sich in einer eigens entwickelten, weltweit einzigartigen Kühlzelle, rund um die Uhr überwacht von einem Team um den Konservierungsbeauftragten Oliver Peschel. Der Professor am Institut für Rechtsmedizin der Universität München ist seit zehn Jahren Ötzis "Leibarzt", duscht und badet die Mumie (eine dünne Eisschicht konserviert den Körper), entscheidet über Forschungsanträge mit und sieht es als seine Aufgabe, die Integrität des Leichnams zu bewahren.

Wie werden Forschungsanträge zu Ötzi abgewogen? Woher rührt das große Interesse an der Mumie und der Geschichte dieses Mannes? Wie viel und welches Marketing ist im Umgang mit ihm zumutbar? Und wie hat dieser Glücksfall der Archäologie die Mumienforschung verändert?

Elisabeth Vallazza und Oliver Peschel sprechen als Gäste bei Barbara Zeithammer über den Eismann als wissenschaftliche Sensation und Medienstar, Mythos und Mensch und wie sie der Mumie begegnen.

Punkt eins - die Sendung zum Mitreden: Nutzen Sie die Gelegenheit und stellen Sie Ihre Fragen rund um Ötzi unter 0800 22 69 79 oder punkteins(at)orf.at

Wie haben Sie die Medienberichte und die Ereignisse vor 35 Jahren verfolgt? Haben Sie Ötzi einmal in seiner Kühlkammer gesehen? Was fasziniert Sie an der Mumie?

Service

Südtiroler Archäologiemuseum
Museumstraße 43,
Bozen, Südtirol (Italien)
Reservierungsbüro MO-FR, 9:00-13:00
T +39 0471 320 100 - info@iceman.it

Josef Rohrer: Cold Case Ötzi. Eine Spurensicherung von Alexander Horn, Oliver Peschel und Andreas Putzer. Folio Verlag 2024

Angelika Fleckinger (Hrsg.): Ötzi 2.0 - Eine Mumie zwischen Wissenschaft, Kult und Mythos
Theiss Verlag, Stuttgart 2011

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