ORF/URSULA HUMMEL-BERGER
Punkt eins
Vernetzt, aber nicht verbunden
Philosophische Annäherungen an die Einsamkeit und die Sehnsucht nach Nähe. Gast: Dr. Martin Scherer, Philosoph, Autor, "Büro für Beredsamkeit" in München. Moderation: Barbara Zeithammer. Anrufe 0800 22 69 79 | punkteins(at)orf.at
24. September 2026, 13:00
Der Verlust der Mitte, die Spaltung und Verrohung, die Erosion von Vertrauen, Gemeinschaft und Verbindlichkeiten. Eine Gesellschaft, die mit dem Verschwinden von Mitgefühl und Solidarität mehr Menschen trennt als verbindet. Politiker, die die Nähe zum Volk verloren haben sollen. Durch die Befunde unserer Gegenwart, ob vor oder nach Wahlen, zieht sich ein Begriff, der "Außergewöhnliches verspricht": Nähe.
"Nähe wird gerne als Heilmittel beschworen", schreibt der Philosoph Martin Scherer in seinem soeben erschienenen Essay über die "Vermessung einer Sehnsucht" und greift damit auch ein Thema auf, das immer mehr Menschen aller Altersgruppen betrifft: Vereinzelung und Einsamkeit, als "Grundgefühl" unserer Gegenwart. Oft als "stille Pandemie" bezeichnet, hat Einsamkeit schwerwiegende Folgen für die Betroffenen, die Gesellschaft, Wirtschaft und Demokratie.
Soziale Verbundenheit - sich zugehörig, unterstützt und in Beziehungen mit anderen Menschen eingebettet fühlen - ist eine grundlegende Säule der Gesundheit. Vor zwei Jahren wurde die WHO-Kommission für soziale Verbundenheit eingerichtet, um diesem Thema im Bereich der öffentlichen Gesundheit weltweit zu Anerkennung zu verhelfen und entsprechende Ressourcen bereitzustellen. Der Aktionsmonat für psychosoziale Gesundheit "Yellow September" (vom 10. September bis 10. Oktober) will heuer helfen, Einsamkeit besser zu verstehen und soziale Verbundenheit zu stärken. Gesellschaft und Politik sind also gefordert.
Tech-Konzerne indes jubeln über das nächste Milliardengeschäft: Chatbots als vermeintlich perfekte KI-"Freunde", die - auf eine möglichst enge emotionale Bindung programmiert - diese Sehnsucht stillen und die Lücken füllen sollen. Forschungen zeigen: Je mehr Zeit man mit der "Interaktion" mit derartigen Programmen verbringt, desto unverstandener fühlt man sich von echten Menschen. "Die digitale Welt schuf eine gigantische Illusion von Verbundenheit", schreibt Martin Scherer, "Und wer fühlt mich? Der Chatbot dann doch eher nicht." Auch für das Selbst in der Selfie-Kultur stehen die Chancen nach Scherer schlecht: "Die digitale Selbstumarmung stillt die Sehnsucht nach Nähe nicht nur nicht, sie vertieft sie." Doch sein Essay erschöpft sich bei Weitem nicht in einer negativen Bestandsaufnahme.
Was suchen wir, wenn wir uns Verbundenheit wünschen, was vermissen wir, wenn wir uns einsam fühlen, was macht Nähe aus und wie fühlt sie sich an? Wie lässt sich Nähe zu uns selbst, zu anderen, in einer Gemeinschaft herstellen?
"Es wäre sinnlos", schreibt Martin Scherer, "Nähe begründen, beschließen oder beteuern zu wollen." Mit dem konstruktiven Suchen und Fragen der Philosophie, die "seit jeher eine sehr lebensnahe Aufgabe erfüllt: Erhellung und Erzählung der Existenz", nähert er sich dem Begriff in seiner Vielschichtigkeit an. Der Nähe des Todes, der Nähe Gottes für einen Gläubigen, der unheimlichen Nähe und der erschütternden Leere der Einsamkeit.
Was bedeutet Nähe für Sie? Ist Nähe eine Sehnsucht oder gar ein Heilmittel gegen Einsamkeit und Vereinzelung? Lässt sich Nähe herstellen oder bleibt sie ein flüchtiger Augenblick? Was kann "Nähe" tatsächlich leisten und wird etwas übertrieben, wenn Politiker "nahbarer" sein sollen oder Vorgesetzte ihre Mitarbeitenden "spüren" wollen? Wo und wie entsteht Nähe für Sie: in einem guten Gespräch, in stiller Gegenwart oder als leibhaftige Erfahrung?
Diskutieren Sie mit über einen Begriff, der viel verspricht und ein Gefühl, das viele Menschen belastet unter 0800 22 69 79 oder schreiben Sie ein E-Mail an punkteins(at)orf.at
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Yellow September - Übersicht
Martin Scherer: "Büro für Beredsamkeit"
Martin Scherer: Nähe. Vermessung einer Sehnsucht. Zu Klampen. September 2026
Martin Scherer: Takt. Über Nähe und Distanz im menschlichen Umgang. Zu Klampen. 3. Auflage, August 2024
Martin Scherer: Hingabe. Versuch über die Verschwendung. Zu Klampen. Januar 2021
