Zwischenruf
Die Botschaft des Sonnengesangs
von Roswitha Zink, Biologin, Psychologin und Mitbegründerin des Kinderhospizes Lichtblickhof
4. Oktober 2026, 06:55
Ich lebe auf diesem kleinen blauen Planeten im Wissen, wie kostbar jeder Atemzug ist, jedes grüne Blatt spendet Sauerstoff, jedes verweilen im Wald besänftigt den Geist. Alle Menschen in allen Kulturen wussten und wissen um die enge Verbindung zwischen der menschlichen Existenz und der Natur.
Dass viele weiter weg von der Natur leben, tut diesem Wissen, dem tiefen Gespür für die Verbundenheit kaum einen Abbruch, dennoch macht uns Menschen die Komplexität zu schaffen . und die Mitverantwortung für Beschädigung und Zerstörung in vielen Bereichen der Natur. Psychologisch spricht man oft von der Biophilie: einer Theorie, die die menschliche Verbundenheit zu Tieren und Natur erklärt durch unsere gemeinsame Vergangenheit.
Religionen haben viele Anknüpfungspunkte zur Natur. Im Christentum finde ich jedoch auch ein zwiespältiges Verhältnis - dort, wo es darum geht, sich gegen Naturreligionen oder andere außerchristliche Glaubenstraditionen abzugrenzen. Franz von Assisi bricht mit dieser Sorge, er predigt nicht "mach dir die Erde untertan" sondern Freundschaft und noch mehr Brüder- und Schwesterlichkeit mit der Welt um uns. Die Gestirne, Wasser, Feuer, den Wind und die Erde, ja sogar den Tod spricht er mit Schwester oder Bruder an. Wer heute den Sonnengesang liest oder betet, wird herausgefordert, die Natur zu lieben, ihr Ehrfurcht zu erweisen und sich für ihren Erhalt einzusetzen.
Dass in diesem Gebet der Tod als Bruder und ein Teil der Natur angesprochen wird, berührt mich für meine Arbeit am Lichtblickhof Kinderhospiz mit Tieren. Viele unserer Kinder haben den Tod vor Augen. Oft höre ich von ihnen: "Bitte viel, viel Zeit mit den Tieren, keine anderen Therapeutinnen, bitte im Heu liegen, bitte im Stall schlafen, bitte Sternschnuppen schauen, bitte staunen wir über die ersten grünen Blätter oder machen wir einen Nachtausflug mit dem Schlitten in den, inzwischen selten gewordenen, ersten Schnee!"
Tiere in der Psychotherapie sind authentische Helfer und sanfte Seismographen für Gefühle. Sie spüren den Herzschlag, riechen Wasserstellen in der Dürre, kennen Giftpflanzen und wissen die Natur noch besser zu lesen als wir. Im Kindes- und Jugendalter zu sterben ist "gemein", es ist sowas von unfassbar maximal unfair, dass einem die Luft wegbleibt, dass man sich als älterer Mensch fast geniert, noch am Leben zu sein. Die Ohnmacht in diesen schweren Zeiten einer unheilbaren Diagnose fast nicht auszuhalten als begleitende Therapeutin als fühlender Mensch, der Trost spenden und helfen will. Die Natur lässt uns eintauchen ins Hier und Jetzt, sie verspricht nichts und ist offen für jede Wendung des Schicksals.
Ich bin für den Blick von Franz von Assisi dankbar, denn er lenkt den Blick in Demut zur Mitgeschöpflichkeit, er verzeiht und liebt, trotz allem. Der Sonnengesang kann so viel Mut spenden, zu lieben, was uns umgibt und tief verbunden damit zu sein: Bruder Wind, Schwester Wasser, Bruder Feuer, Mutter Erde mit all ihren Geschöpfen . Schwester Tod. Das sagt mir: Wir sind EINS und das kann uns die Angst vor dem Tod nehmen, denn wir bleiben EINS.
