Radiokolleg

Ist das auszuhalten? (1)

Warum Toleranz?

Die Kolleg:innen im Großraumbüro tratschen ununterbrochen. Der junge Mann im Bus hält in der einen Hand ein Smartphone, das laut trötet, in der anderen einen Döner, der stark riecht. Das Parfüm der Sitznachbarin im Kino ist überwältigend und der Vorgesetzte reißt immer sexualisierte Witze. Der Nachbar mit kleinen Kindern gibt mit seinem Waffenschrank an und die große Gruppe am Nebentisch redet über Menschen aus dem arabischen und asiatischen Raum, aus Afrika oder Südamerika, als ob diese Tiere wären. Ist das alles auszuhalten und wo muss eine Grenze gezogen werden? Ist "Aushalten" auch ein Dissoziieren, wie eine Schockstarre, in der Menschen handlungsunfähig werden, weil sie überfordert sind?

Toleranz ist sozialer Kit. Toleranz bedeutet, andere Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind, und sie als gleichberechtigt anzusehen. Das Wort lateinische tolerare heißt "erdulden" oder "ertragen". Umgangssprachlich heißt es oft "Da stehe ich drüber" oder "Das kann ich händeln". Für den französischen Philosophen Voltaire war Toleranz aber kein bloßes "Gewährenlassen", sondern ein universelles Naturgesetz und das Fundament einer menschlichen Gesellschaft. Er begründete sie mit der Unvollkommenheit des Menschen: Da wir alle voller Schwächen und Fehler sind, müssen wir uns unsere Irrtümer gegenseitig verzeihen. Toleranz ist ein Grundpfeiler der Demokratie und der Aufklärung - wenn ich andere nicht akzeptiere, funktioniert das Zusammenleben nicht. Ambiguitätstoleranz ist die Fähigkeit, Unsicherheit, Mehrdeutigkeit, Widersprüchlichkeit oder Unklarheit in verschiedenen Situationen anzunehmen, auszuhalten und damit konstruktiv umzugehen - das wollen wir üben.

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