Tonspuren

Die Jugendbuchautorin Rosmarie Thüminger

Mit 13 hat Ö1-Redakteurin Sarah Seekircher die Bücher der Kinder- und Jugendbuchautorin Rosmarie Thüminger oft und gerne gelesen. Jahrzehnte später besucht sie die heute 87-Jährige in ihrer Wohnung im achten Stock eines Innsbrucker Hochhauses.

Zu schreiben begann Rosmarie Thüminger Anfang der 1970er Jahre: jung verheiratet, Mutter dreier kleiner Kinder und ziemlich unglücklich in der Rolle als Hausfrau. Zuerst waren es kürzere Texte für Erwachsene, veröffentlicht in Zeitungen und Zeitschriften. 1980 kam die Hinwendung zur Kinder- und Jugendliteratur. Thüminger nahm an einem Wettbewerb teil, den die damalige Frauenstaatssekretärin Johanna Dohnal initiiert hatte. Gesucht waren Kurzgeschichten über Rollenklischees für Kinder. Ihr Beitrag erschien im Sammelband "Mädchen dürfen pfeifen, Buben dürfen weinen".

In den 1990er und 2000er Jahren war Thüminger eine feste Größe in der österreichischen Kinder- und Jugendliteratur. Ihr bekanntestes Buch, "Zehn Tage im Winter" (1988, ausgezeichnet mit dem Kinderbuchpreis der Stadt Wien und dem Österreichischen Kinderbuchpreis), erzählt von einem Mädchen in einem Tiroler Bergdorf, das in den letzten Kriegstagen den Nationalsozialismus immer mehr durchschaut. Heute sind ihre Bücher kaum noch zu finden. Das Feature ist deshalb auch eine Wiederbegegnung mit einem verschwundenen Werk.

Soziale und politische Themen hat Thüminger immer aufgegriffen: Gewalt in der Familie, die Auswüchse des Tourismus in Tirol, die Unterdrückung von Mädchen, die Einsamkeit von Kindern. Meist erzählt sie aus der Perspektive eines Mädchens, das an der Schwelle vom Kind zum Teenager steht. "Mein Eindruck ist, dass sie selbst ein Kind oder eine Jugendliche war, die ein ganz großes Gerechtigkeitsempfinden gehabt hat. Und dass sie sich da auch nicht beirren hat lassen in ihrem Empfinden, was richtig ist und was falsch. Auch wenn sie keine Chance gehabt hat, etwas zu verändern," erzählt ihre Tochter Christine.

Dieselbe Gerechtigkeitsidee steht hinter ihrem politischen Engagement. Jahrzehntelang war Thüminger in der KPÖ, in der Friedens- und in der Frauenbewegung aktiv: für den Zugang zu Abtreibung, für längere Kindergartenöffnungszeiten in Innsbruck, gegen die Aufrüstung. In einem Fernsehinterview hat sie einmal gesagt: "Die Frauenbewegung war etwas vom Wichtigsten in meinem Leben." Dass manche dieser Forderungen heute umgesetzt sind, ist auch ihr Verdienst.

Ihr letztes Buch hat Rosmarie Thüminger 2009 veröffentlicht: "Mit offenen Augen", eine Annäherung an die zum Tode verurteilte Widerstandskämpferin Adele Stürzl. Inzwischen hat sie sich auch aus der politischen Arbeit zurückgezogen. Die Welt hat sich anders entwickelt, als sie es sich gewünscht hat: "Ich bin schon enttäuscht in mancher Hinsicht." Mehr Klage ist von ihr nicht zu hören - Jammern war nie ihre Sache.

"In die Enge hinaus"
Die Jugendbuchautorin Rosmarie Thüminger
Feature von Sarah Seekircher
ORF 2026

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